Münchhausen

Zuerst eine kurze Zusammenstellung von Daten und Personen:

1764 - 1792 erscheint unter dem Titel Vade Mecum für lustige Leute eine Sammlung mit Schwänken und Historien. In den Teilen 8 und 9 (1781/1783) finden sich insgesamt 18 M-h-s-nsche Geschichten, ohne Angabe des Verfassers. Die Vorrede der Ausgabe enthält den Hinweis, dass diese Geschichten ein “Baron von Münchhausen aus Bodenwerder in der Nähe von Hameln an der Weser” zu erzählen pflegte.

Zur Erläuterung: Vade me cum (lat., d.i. geh mit mir), ein Titel, den man Büchern von kleinem, handlichem Format gibt, die als Ratgeber oder Leitfaden, gleichsam als Begleiter auf Reisen und in allen möglichen Lagen und Fällen des Lebens dienen sollen. (aus Brockhaus´Conversations-Lexikon 1887)..

1785 erscheint in England anonym eine Geschichtensammlung unter dem Titel Baron Munchausens Narrative of his marvellous travels and campaigns in Russia.

1786 bereits dritte englische Ausgabe, erstmals mit Illustrationen und fünf zusätzlichen See-Abenteuern.

1786 erscheint anonym in Deutschland eine überarbeitete Übersetzung der englischen Münchhausen-Geschichten mit neun Kupfern, acht Geschichten werden hinzugefügt

1788 die zweite deutsche Ausgabe ist nochmals um sieben Landabenteuer erweitert.

Die beteiligten Personen sind:

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720 - 1797)
  Von 1738 bis 1752 ist er mit geringfügigen Unterbrechungen beim russischen Militär vorwiegend in Riga. Die Karriere ist anfangs beeindruckend: nach einem Jahr Kornett, nach einem weiteren Leutnant. Später gibt es Schwierigkeiten und erst 1750 wird Münchhausen Rittmeister, quittiert 1752 den Dienst und geht zurück nach Bodenwerder. Man bescheinigt ihm einen schwierigen Charakter, von Selbstgerechtigkeit und Standesdünkel geprägt. Allerdings gilt er bei gesellschaftlichen Anlässen als brillianter Geschichtenerzähler. Er ist begeisterter Jäger. Als 1786 die Wunderbare Reisen... erscheinen, reagiert Münchhausen wütend und betroffen. Zum einen empört ihn der geistige Diebstahl: es sind seine Geschichten, die da ohne sein Wissen veröffentlicht wurden. Sehr viel stärker allerdings reagiert er auf die Zuschreibung “Lügenbaron”. Er fühlt sich in seiner Offiziers und Standesehre gekränkt, diffamiert und lächerlich, zur Witzfigur gemacht. Ein Verwandter hält ihn mit Mühe davon ab, den Verleger zu verklagen, mahnt ihn, die Sache mit Humor zu nehmen. (nach Münchhausen-Illustrationen aus zwei Jahrhunderten - Sammlung Bodenwerder-) Mit 73 Jahren heiratet Münchhausen 1794 eine 17-jährige, die vergnügungs- und genußsüchtig, kokett und leichtlebig Münchhausens Geld verschwendet.

Rudolph Erich Raspe (1736 - 1794)
  Er wird 1736 geboren und wächst in Hannover auf, studiert in Göttingen und Leipzig. Von 1767 an ist er Professor der Altertümer und Aufseher des fürstlichen Antiquitäten- und Münzkabinetts in Kassel. Raspe macht Schulden, veruntreut Münzen und übersiedelt 1775 nach England, wo er viele Jahre im Bergwerkswesen arbeitet. Raspe ist eine ungewöhnlich vielseitige Persönlichkeit, er wirkt als Dichter, Zeichner, Geologe, Kunstsachverständiger und Übersetzer (z.B. Lessings Nathan der Weise).


Gottfried August Bürger (1747 - 1794)
  Bürger ist seit 1784 Privatdozent an der Universität Göttingen und eng mit dem belesenen Aphoristiker und Physiker Georg Christoph Lichtenberg befreundet. Gegenüber den Professoren der Universität hat Bürger einen schweren Stand. Einmal wird er als Dichter nicht als Wissenschaftler akzeptiert. Andererseits ist Bürger in seinen Äußerungen gegenüber seinen Kollegen extrem undiplomatisch, insofern ist er das Gegenteil von Lichtenberg, der mit der Obrigkeit immer gut auskommt - dieser verhält sich taktisch geschickter und provoziert nicht unnötig Auseinandersetzungen. So ist es verständlich, dass Bürger den Münchhausen anonym veröffentlicht - er befürchtet sonst eine weitere Schwächung seiner Position an der Universität. Lichtenberg soll angeblich Bürger bei den Münchhausen-Geschichten unterstützt haben. Ein Honorar für den Münchhausen hat Bürger weder verlangt noch bekommen.

Soweit Jahreszahlen und Personen. Im Weiteren folgen wir den Ausführungen Erich Ebsteins. In einem äußerlich unscheinbarem Buch mit dem Umschlagtitel Münchhausen, gedruckt von der Spamerschen Buckdruckerei in Leipzig 1925, findet man

  - Bürgers Münchhausen nach der Erstausgabe von 1786 ohne die Kupfer, aber mit vier Federzeichnungen von Joseph Hegenbarth

  - die Münchhausengeschichten aus dem Vade Mecum für lustige Leute und

  - ein Nachwort von Erich Ebstein.

Diesem Nachwort wenden wir uns jetzt zu. Ebstein weist darauf hin, dass erst seit 1902 der Münchhausen in Bürgers gesammelte Werke aufgenommen wurde. Dabei soll ausgerechnet Wurzbach den “verballhornten” Text von 1788 verwendet haben. Für den heutigen Leser durchaus ein Problem: nicht in jeder Bürger-Ausgabe ist der originale Bürger drin. Doch zurück zum Münchhausen.

Im Vade Mecum für lustige Leute erschienen

               1781 und

 

               1783 insgesamt 17 M-h-s-nsche Geschichten, die Raspe die Vorlage lieferten. Der Autor dieser Geschichten ist nicht bekannt, R. E. Raspe ist jedoch auszuschließen. Sehr wahrscheinlich ist der unbekannte Autor jedoch aus dem Göttinger Umfeld. Beide Hefte sind im Bürgerarchiv digitalisiert.


Bürger hat in seiner ersten Ausgabe von 1786 sieben eigene Geschichten hinzugefügt:
  - den Fang der wilden Enten mit Speck
  - die Geschichte von dem immer noch hauenden Arm
  - den Ritt auf Kanonenkugeln durch die Luft
  - den Sprung mit seinem Pferd durch eine Kutsche
  - die Rettung an seinem Haarzopfe aus dem Moraste
  - den Fang eines Bären auf einer Wagendeichsel
  - das fünfte See-Abenteuer.

Die zweite Ausgabe von Bürgers Münchhausen beruht auf der fünften Auflage der Raspeschen Geschichten, arbeitet wiederum mit dem fingierten Druckort London und enthält weitere sieben von Bürger selbst erfundene Geschichten:
  - canonisiert einen alten General
  - die Hühnerjagd mit dem Ladestocke
  - der sinnreiche Gebrauch von Wasser und Kälte
  - die Jagd mit dem Hühnerhund Piel
  - Glücklicher Ausgang eines unglücklichen Rittes
  - sein Hund steht vierzehn Tage
  - der achtbeinige Hase
  - die Taten der hinteren Hälfte des Pferdes.


Besonders interessant ist, dass Ebstein in den Bürger-Texten eine ganze Reihe von zeitkritischen Anmerkungen findet, teilweise gehen sie wohl auf G. Ch. Lichtenberg, Bürgers Freund, zurück.

Der erste, der nach Bürgers Tod die Anonymität des Verfassers des Münchhausen lüftete, war sein guter Freund und Arzt Ludwig Christoph Althof. Er hat in seiner Biographie Bürgers, die 1798 herauskam, zum ersten Mal den Münchhausen angeführt, wenn auch mit falscher Jahreszahl, 1787 anstelle 1786.

Ebstein analysiert auch den Briefwechsel Bürgers mit seinem Verleger Dietrich sowie einzelne Passagen aus dem Vade Mecum sowie dem Raspeschen Münchhausen und meint, dass Bürger selbst als Autor der Geschichten im Vade Mecum nicht auszuschließen ist. Das bleibt aber wohl Spekulation.

Neben der zitierten Arbeit von Erich Ebstein 1925 gibt es noch wichtige Veröffentlichungen zum gleichen Thema
 


von Adolf Ellisen 1849,  

 


Eduard Grisebach 1880

 


und Hans von Müller 1906, ebenfalls im Bürgerarchiv.
 

Ebstein bemängelte 1925 noch, dass eine Analyse der Bürgerschen Übersetzung aus dem Englischen fehlt. Diese Lücke ist inzwischen geschlossen worden. Freundlicherweise machte Helmut Scherer (Berlin) eine entsprechende Doktorarbeit an der Universität Zürich zugänglich, die 1964 in Winterthur gedruckt wurde:

Gottfried August Bürgers Übersetzungen aus dem Englischen von Penelope E.A.L. Scott

Den Abschnitt über die Münchhausen-Übersetzung bieten wir im Bürgerarchiv vollständig an, es wäre schwierig, daraus einzelne Teile zu entnehmen. Ein Leitgedanke ist:

  “Man darf deshalb sagen, Bürger hat durch seine Auslassungen und Erweiterungen nichts Grundsätzliches geändert, trotzdem aber ist bei einem Vergleich der beiden Texte ein Unterschied zu spüren. Man möchte fast den deutschen Text als ursprünglich ansehen. Für diese erstaunliche Tatsache ist eine Erklärung in Bürgers Gedanken über die Beschaffenheit einer deutschen Übersetzung des Homer zu finden: eine Übersetzung müsse so ursprünglich wirken und gut verdeutscht sein, daß der Leser vergesse, daß das, was er liest, übersetzt sei, und in den süßen Wahn gerät, daß Homer ein alter Deutscher gewesen und seine Ilias deutsch gesungen habe. Dieses Ziel hat es so gut erreicht, daß man - wie wir wissen - seinen Münchhausen bis 1824 (Reinhard Ausgabe) als ein originales Werk Bürgers angesehen hat.”

Einige konkrete Aspekte sind
- Geschichten, die dem ursprünglichen Geist der Münchhausen-Geschichten des Vade Mecum nicht entsprachen sowie typisch englische Motive hat Bürger gar nicht erst übersetzt,

- Wo immer es möglich war, hat Bürger direkt übersetzt, was man an der Geschichte mit dem Kirschbaum auf dem Hirschhaupt selbst nachvollziehen kann

- Bürger gestaltet die Übergänge zwischen den Geschichten fließend und logisch, dadurch wird eine große Einheitlichkeit erzielt.

- manchmal wurde auch eine Person näher charakterisiert (aus dem etwas bloß im Hintergrund bleibenden Vetter mütterlicherseits wird ein lustiger, schwarzbärtiger Husar.
 

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