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Schöpfer der deutschen Ballade Kölli - bürger_mobil

VÖLKISCHER BEOBACHTER
KULTURPOLITIK und UNTERHALTUNG
Donnerstag, 8. Juni 1944 Nr. 160 Seite 4

Der Schöpfer der deutschen Ballade
Vor 150 Jahren starb Gottfried Bürger

  Die Ballade ist an sich uralt, so alt wie nordische, germanische Dichtung. Wo daher Gefühl für die Ballade, da ist auch Gefühl für un­ser Eigenstes. Die Ballade hat für Goethe, der ihr Wesen am besten verstanden hat, „etwas Geheimnisvolles, etwas Unauflösliches. Goethe hegte lange den Plan zu einer ganz besonderen Tragödie und wollte dazu „Eddas Rhythmen" verwenden. Aber diese Tragödie blieb unge­schrieben. Es wurde daraus zuletzt die schwer verständliche Ballade vom vertriebenen und zurückkehrenden Grafen mit dem Refrain „Die Kinder, sie hören es gerne". Goethe zog sich auf die Balladenform zurück, weil nach seiner Auffassung in der Ballade die Elemente der Poesie, das Lyrische, Erzählende und Drama­tische, zugleich Musik, Tanz und Darstellung, alles noch „wie in einem lebendigen Ur-Ei" enthalten sei.
  Von „Eddas Rhythmen" wußte man im Deutschland des 18. Jahrhunderts vor Herder nichts. Auch die mittelhochdeutsche Dichtung war völlig vergessen. Alles Bänkelsängertum, auch wenn es Volkseigenes und Altes in ver­bogener und verderbter Form überlieferte, konnte im Zeitalter entliehener und nachge­ahmter französischer Kultur keinerlei Beach­tung finden. Nun war Klopstock (1724—1803) aufgetreten. Doch seine Art sagte dem Pfarrer­sohn Gottfried August Bürger aus Molmerswende bei Ballenstedt am Unterharz nicht zu, als er 1768 nach Göttingen kam und auch dort überall Jünger und Verehrer Klopstocks fand. Er hatte Theologie und Juristerei studiert und dichtete mehr im schwülen und leichtfertig frivolen Stil als im pathetischen. Er stand mit seinen Erzeugnissen Wieland nahe, nicht Klop­stock, Gleim schätzte seine ersten Sachen.
  In Bürgers Göttinger Umgebung wußte man wieder von mittelhochdeutscher Dichtung, und er selbst hatte Zugang zu jener nordischen Ur­welt der Ballade, vermittelt durch eine eng­lische Sammlung alter Poesie. Der Amtmann von Altengleichen bei Göttingen, Gottfried August Bürger, schuf 1773 als 29jähriger seine größte Dichtung, die „Lenore", die erste deutsche Ballade, die ungeheures Aufsehen erregte und bis vor etwa 100 Jahren noch so volkstümlich war, daß sie der Leierkastenmann sang.
  Bürger wollte schaffen, was Herder verlangt hatte, eine echte deutsche Volkspoesie. Herder hatte sogar auf Bürger als auf eine große Hoff­nung hingewiesen, und Bürger hatte immer Volksmäßigkeit seiner Dichtung angestrebt, er wollte aufs ganze Volk wirken, weder auf den „Pöbel", noch bloß auf die dünne Schicht der „Gebildeten". Wenn auch mannigfach zeitbedingt und nicht in jedem Sinne ursprünglich in einer durchaus verkünstelten Umwelt, er wollte doch das Urwüchsige und Lebendige. Er wollte mit seiner Kunst den Weg von unten nach oben gehen, und der Zusammenstoß mit jenem Manne, der am entschiedensten die entgegen­ gesetzte Methode vertrat, der tödliche Zusam­menstoß mit Schiller, war aus diesem tiefsten Grunde allein schon unvermeidlich. Freilich, Bürger schätzte den zwölf Jahre jüngeren Schiller, aber Schiller verwarf Bürger, dem er doch für seine eigene Balladendichtung sprach­lich soviel verdankte. Im Jahre 1791 war in der „Allgemeinen Literaturzeitung" Schillers vernichtender Aufsatz „über Bürgers Gedichte" erschienen. Bürger war damit erledigt. Der 19jährige Novalis, der noch vor zwei Jahren Bürger besucht, bewundert und angedichtet hatte, beeilte sich jetzt, an Schiller zu schrei­ben, daß ihm dessen eben noch einmal gele­sene Rezension von Bürgers Gedichten beinahe noch zu gelind vorkomme! Bereits 1794 ist Bürger, erst 47 Jahre alt, gestorben.
  Im großen ganzen ist Schillers Verwerfungs­urteil trotz der gerechteren Stimme Goethes entscheidend geblieben für die Einschätzung Bürgers, bis der als streitbarer Denker, heroi­scher Materialist und breschenschlagender Judenfeind heute selbst kaum noch bekannte Eugen Dühring (1833—1921) den Versuch unter­nahm, Bürger als den eigentlich deutschen und klassischen Dichter herauszustellen. Ein übers Ziel schießender und vergeblicher Versuch, weil er mit einer unglaublichen Abwertung Schillers und auch Goethes verbunden war; doch auch ein bezeichnender Versuch, weil er bezeugt, wie weit „feststehende" Urteile doch noch erschüttert werden können, besonders wenn sie allzu summarisch und ungerecht aus­ fielen.
  Bürger war eine starke, ja große dichterische Begabung, doch er war ohne genügende künst­lerische und vor allem ohne hinlängliche menschliche Zucht, und die Mängel der Persön­lichkeit sind der eigentliche Grund der scharfen Angriffe Schillers. Seine berühmten Worte, „Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität", fallen gegen den Balladendich­ter und Lyriker Bürger. Die Individualität des Dichters „muß es also wert sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten Menschenheit hinauf­zuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Ge­schäft. Kein noch so großes Talent kann dem einzelnen Kunstwerk verleihen, was dem Schöp­fer desselben gebricht. .."
  Diese ehernen Sätze Schillers sind unwider­legbar. Sie reichten erst recht, um Bürger unter Zustimmung eines freilich von Heuchelei kei­neswegs freien Publikums zu zerschmettern. Denn Bürger hatte nicht bloß ein wüstes Studentenleben geführt, er gehörte immer zu den etwas haltlosen „Genies". Er liebte Molly, die jüngere Schwester seiner Frau Dorette. Es gab schlimme Irrungen und Wirrungen. In sei­ner Poesie herrschte zu sehr das Triebhafte. Nach dem Tode beider Frauen heiratete er ein Mädchen, das ihn betrog.
  Friedrich Hebbel urteilt ziemlich summarisch: „Bürgers Gedichte machen doch, wenn man die ganze Sammlung durchliest, einen äußerst be­schränkten, dumpfen Eindruck. Außer 'Leonore', ,Das Lied von Treue' und einigen wenigen an deren Stücken wird sich nichts halten. Die dumme Vergötterungssucht der Herausgeber hat unendlich viel Mittelmäßiges hineingewunden, so daß man die Blumen im Strauß vor dem Grase kaum finden kann."
  Dennoch, es ist keine Gedenktagspflicht, son­dern man kommt der einfachen Wahrheit doch zugleich viel näher, wenn man sich an den milder urteilenden Goethe hält. Er sieht auch Bürger im allgemeinen Zusammenhang der Dinge und scheut sich nicht, den unglücklichen Lyriker als eine ihm selbst verwandte Natur zu bezeichnen.

                                         J. G. Kolli

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