Direkt zum Seiteninhalt

Schlenther - Bürger im Kampf ums Dasein - bürger_mobil

  
Gottfried August Bürger.                    Von Paul Schlenther.
Transkribiert im Auftrag und auf Kosten des Bürgerbiographen Helmut Scherer (Berlin).
Inhalt:
I. Bürger im Kampf ums Dasein.        10. Juni
II. Bürger im Kampf um die Liebe.     17. Juni
III. Bürger im Kampf um die Kunst.     1. August

I. Bürger im Kampf ums Dasein.

[Sonntagsbeilage Nr. 23 zur Vossischen Zeitung Berlin 10. Juni 1894, Nr. 266]

Vor hundert Jahren, am 8. Juni 1794, wurde in Göttingen ein deutscher Dichter zu Grabe ge­bracht. Dem elenden Leichenzuge folgten nur wenige. Obgleich der Todte etwas gewesen war, was zu Göttingen am höchsten bewerthet wird, Universitätsprofessor, so fühlten sich doch die meisten seiner Kollegen von einem unbequemen, ihre Zunft entweihenden Kumpa­ne Gott dankend erlöst. Wenn dieser hingestorbne Professor nie einen Heller Sold bezogen, obwohl er zehn Jahre lang seines Amts gewaltet hatte, so erschien dadurch den andren der Abstand zwischen ihnen und ihm nur desto größer. Es gab allerdings auch im damaligen Göt­tingischen Universitätsleben freiere Geister, wie den berühmten Philologen Heyne und vor Allen Lichtenberg, die in diesem hungrigen Amtsbruder den überragenden Dichter, den lie­benswürdig menschlichen Menschen erkannten. Sie halfen, wo sie konnten. Wenn der Ster­bende sechs Wochen vor seinem Tode durch „die Milde der königlichen Regierung in Hanno­ver“ ganze funfzig Reichsthaler zum Geschenk erhielt, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß diese funfzig Reichsthaler aus Heynes eigner Tasche kamen. Sie reichten wohl hin fürs Be­gräbniß.
Heynes, Lichtenbergs, wohl auch Schlözers Menschenfreundlichkeit können als Anfang einer guten Tradition gelten, in welcher Göttinger Professoren noch heute stehn. In dortigen Universitätskreisen hat man sich zuerst daran erinnert, daß seit dem Tode Gottfried August Bürgers ein Jahrhundert vorüber ist. Man besah den Platz, der einst die müden Gebeine des Dichters aufgenommen hatte, und fand einen verwitterten Grabstein; unwerth des Namens, der in schwer leserlichen Zügen drauf geschrieben ist. Man will dort eine Ehrensäule bauen. Und kaum anderswo dürfte dem Dichter der Lenore, der Taubenhainer Pfarrerstochter ein Denkmal errichtet werden, als in Kirchhofsumgebung, unter Gräbern, wo zur mitternächtigen Stunde lustiges Gesindel tanzt, wo „es wimmert am Unkengestade“.

     Es schleicht ein Flämmchen am Unkenteich,
    Das flimmert und flammert so traurig,
    Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras,
    Das wird vom Thau und vom Regen  nicht naß,
    Da wehen die Lüftchen so schaurig.

Ich weiß nicht, ob es in einer andren Sprache noch Verse giebt, worin der Begriff des trostlo­sesten und kläglichsten Unglücks so (darf ich sagen, so glücklich?) zur Anschauung gebracht ist, wie hier. Sicher giebt es nicht Verse, die für Bürgers eigne Lebensmelodie so treu den Text und den Ton angäben.   
    Vom Göttinger Grabhügel aus braucht man nicht allzu weit in deutschen Ländern umher­zuwandern, um die wenigen Orte aufzufinden, an denen Bürger lebte und selten genug glück­lich war. Wer bei klarem Wetter auf der Brockenhöhe steht, dessen Auge kann ungefähr den geographischen Kreis dieses Daseins umschreiben. Und es ist gewiß kein Zufall, daß gerade der gespenstischte aller deutschen Berge, der Blocksberg, es war, der den Phantasien des größten Geistersehers unter unsern Dichtern nahe stand. Gar viel ist freilich in Gedichten und andern Lebensäußerungen Bürgers vom Brocken und vom Harz nicht die Rede; eine dichteri­sche Frucht , wie sie Goethe von seiner „Harzreise im Winter“ mitbrachte, wird man bei Bür­ger vergebens suchen. Wenn er sich einmal (Januar 77 an Sprickmann) drüber beklagt, daß der Prophet nie was im Vaterlande gelte, so galt auch das Vaterland dem Propheten nicht all­zuviel; „am besten steht sich der Prophet, wenn ihn das Vaterland gar nicht kennt“. Liebe zur Heimath äußert sich nirgend bei ihm in unmittelbaren Lauten. Vielleicht eben darum, weil er von der Heimath nie loskonnte.
Die Schauplätze seines Lebens liegen dicht gedrängt neben einander. Auf der Südgrenze des Harzes liegt das Kirchhorf Molmerswende, wo im Pfarrhause Bürger am Silvester 1747 zur Welt kam. Daneben Pansfelde, woher Bürgers Vater stammte, und in dessen Pfarrhause die Tochter, Bürgers Gespielin, von einem Edelherrn verführt wurde. Ueber diesen Dörfern ragt auf dem Falkenstein die silberschimmernde Burg des Ritters, der sich nächtens nach Tau­benhain in die Liebeslaube schleicht. Das ganze Gebiet hält sich zum preußischen Städtchen Aschersleben, wo Bürgers Großvater lebte, der nicht nur Bauer hieß, sondern auch mit der ganzen dickschädeligen Rechtschaffenheit und Härte dessen, was man eine Bauernnatur nennt, Bauer war. Dieser alte Mann sah, wie sich im Molmerswender Pfarrhause die Pastors­leute zankten oder mieden. Er nahm daher den zwölfjährigen Enkel zu sich nach Aschersle­ben und schickte ihn ein Jahr lang auf die Stadtschule. Von diesem östlichen Winkel des Süd­harzes springt Bürgers Schicksal in den westlichen hinüber. Dort liegt Göttingen und eine Meile davon ragt der alte Gleichen empor, dessen Bezirk von Gelliehausen aus verwaltet wird und die Ortschaften Niedeck, Wöllmarshausen, Appenrode umfaßt.
Hier liegt Bürgers eigentliches Land und Elend. Von hier zog seine Sehnsucht vergebens ins Weite. Stets nährte er irgend eine Hoffnung, daß irgendwo in der Ferne sein Glück ihm noch blühe. Bald wurde Hannover, bald Braunschweig, bald Oldenburg, bald eine Residenz­stadt am Rhein das Ziel seiner Wünsche. Einmal winkte sogar Hoffnung auf eine Professur in Preßburg. Immer erfolglos. Als er sich um ein bescheidenes Lehramt in Berlin bewarb, erklär­te der damalige Kultusminister, Herr von Zedlitz, die heutigen mit dem Gemeinwesen sich verquickenden Schöngeister seien als Erzieher und Jugendlehrer nicht zu gebrauchen, und es müsse dafür gesorgt werden, „daß die Jugend keinen frühen Hang zu der, alle Seelenkraft und die zu Geschäften erforderlichen Thätigkeit untergrabenden Poeterei bekomme“. Unter diesen Anschauungen, denen schon Lessing weichen mußte, hätte eine Dichternatur wie Bürger nicht gedeihen können. In Berlin herrschte überdies Nicolai, mit dem Bürger (Daniel Wunderlich contra Daniel Seuberlich) im literarischen Kriege stand. Desto verlangender richtete sich sein Blick nach Weimar, der Stadt Wielands, Herders, Goethes. Aber für Bürger blieben auch hier die Thore versperrt. Er mußte zwölf Jahre lang (1772-1784) im Schutze des alten Gleichen bleiben: zuerst als Justizamtmann, später auch noch als freiherrlich Uslarischer Gutspächter. Als er aus dieser trübseligen Lage endlich erlöst war, führte ihn sein Weg doch nur eine Meile weit nach Göttingen zurück, wo einst der Student theils erotisch theils seraphisch geschwelgt hatte, und wo sich nun der Dozent zum langsamen Verhungern anschickte.    
 Im Brief an Bürger nennt J. H. Voß Göttingen eimal „den barbarischen Musensitz“. In der dortigen Gelahrtheit herrschten wohl großentheils ähnliche Ansichten, wie sie jenes Schreiben des preußischen Kultusministers ausspricht. Daß Bürger nicht von ihrer Art war, haben die Professoren schon empfunden, als sich der 21jährige Musensohn 1769 um seine Aufnahme in die deutsche Gesellschaft, eine Art Vorschule der akademischen Würde, beworben hatte. Je­der der Aufnehmenden hatte danach ein Votum abzugeben und Kluckhuhn [Kluckhohn] hat sich das Verdienst erworben, diese Wahrsprüche aus den Akten bekannt zu geben (Schnorrs Archiv XII, S. 64 ff.). Schon das Anschreiben des Kandidaten erregte durch eine gewisse iro­nische Unterwürfigkeit Kopfschütteln. Noch mehr die Probearbeit über Homerübersetzung, welche von Heyne als durch und durch unverdauete Schrift einer eingebildeten und eitlen Per­son bezeichnet wurde. Ein Andrer beklagt die gar zu „neumodige“ Schreibart, ein dritter den unheilvollen Einfluß J. G. Hamanns, des Magus [Magnus] aus Norden. Gatterer, in dessen Hause Bürger später recht befreundet wurde, weil ihn eine dichtende Tochter anschwärmte, hofft, der junge Frechling werde sich unter den Alten verfeinern. Am zutreffendsten äußert sich der Epigrammatiker Kästner: ein Baum, der zu sehr ins Holz treibe, lasse sich allemal noch durch Beschneiden verbessern und sei ihm lieber als einer der aus Mangel an Saft dürre stehe. Da trotz allen Bedenken von verschiedenen Seiten anerkannt wurde, daß der junge Mann „Genie“ zeige, so gab schließlich das boshafte Diktum des Philosophen Felder [Feder], den später Bürger als einen Antikantianer bekämpfte, den Ausschlag. Er schlug die Ehre, Bei­sitzer der deutschen Gesellschaft zu werden, nicht so hoch an, als daß man den jungen Bürger abweisen sollte. So hatte Bürger den Anwarteschein für eine Göttinger Gelehrtenlaufbahn in der Tasche und es konnte ihm dadurch leichter werden, anderthalb Jahrzehnte später in den Lehrkörper der Universität einzutreten. Nachdem er sein Einladungsprogramm über den deut­schen Stil ausgegeben hatte, fanden seine Vorlesungen, namentlich sein ketzerisches Eintreten für Kant ziemlichen Zulauf, der freilich nicht lange vorhielt. Vermuthlich ermüdeten die Hö­rer mit dem Lehrer. Bürger behielt in Göttingen dasselbe Gefangenengefühl wie auf dem Lan­de.
Dieses Gebanntsein an die Scholle hat zeitlebens auf sein Schicksal gedrückt. Wie gern hätte er, der enthusiastische Bewunderer Shakespeares, Ossians und der schottischen Balladen die britannischen Inseln gesehn! Wie sehnt er sich auch in das Land der Romanzen! Mit 1000 Thalern möchte er „á la Holberg“ Portugal und Spanien ins Kreuz und in die Quere durchrei­sen und mit einem Mantelsack voll Kollektaneen wiederkommen. Aber nicht einmal in Deutschland wurde seine Reiselust befriedigt. Einmal (Oktober 77) ist Aussicht , daß er sei­nen jungen Schwager nach Münster zum Militär bringen kann. In Münster lebte der gleichge­stimmte Vertraute seines Herzens, Sprickmann, der schwärmerische Dichter der „Eulalia“. Bürger jubelt: „Alter Bengel, das sollt´ uns beyden mal recht wohl bekommen. O ich habe so viel! so viel! in euren Busen auszuschütten, was ich weder schreiben kann noch mag. Wir ar­men Korydöne, wir!“ Bürger hat Münster nie gesehen. Wenn er gelegentlich auf einer Ge­schäftsreise in Hannover seinen stützenden Freund Boje heimsuchen durfte oder einen Ritt nach Ellrich zu Göckingk und nach Halberstadt zu Gleim wagte, so waren das Entschlüsse. Höchstens reichten ein paar Male Zeit und Geld zur Reise nach Obersachsen aus, wo Bürger schon als Hallischer Pädagogist und Student einige Jahre lang heimisch gewesen war. Nur einmal sollte die Fahrt ins Schwabenland gewagt werden. Es war eine Brautfahrt. Es war die Fahrt ins schmählichste Mißgeschick. Ihm war also beschieden, im Lande zu bleiben und sich so redlich, wie es anging, zu nähren. Vom Großvater erbte er etwas Grundbesitz, aber da die­ser auf preußischen Gebiet lag, während Bürger sein Brod im Hannöverschen aß, so konnte er bei der damaligen Kleinstaaterei sein Eigenthum nicht einmal zu Bürgschaftszwecken ausnut­zen. Und als sich einst der alte Großvater entschlossen hatte, für den jungen Amtmann die nö­thige Kaution eigenhändig in baarer Münze einzuzahlen, gerieth das Geld an einen ungetreuen Verwalter, der es für sich selbst verthat. Bürger war überall der Geprellte.
Diese Schlemihlnatur konnte unmöglich einen brauchbaren Staatsbürger abgeben. Wenn sein Großvater, der alte Ascherslebener Bauer, genau das war, was er hieß, so hat sein Enkel selbst darüber gescherzt, wie wenig werth er seines Namens sei. An Vorsätzen, ein guter Bür­ger und „Pfahlbürger“ zu werden, fehlte es nie. Aber der Konflikt zwischen dichterischen Be­ruf und weltlicher Pflichterfüllung, den Goethe so meisterhaft zu lösen verstand, blieb für Bürger ewig ungelößt.
Einmal (April 79) schreibt er an Boje: „Der Teufel ist seit einigen Monaten in mich gefa­ren, daß ich weder Tag noch Nacht Ruhe habe, bis alles, was ich auf Herz und Gewissen habe, weggearbeitet ist, um endlich einmal leicht und frei aufathmen zu können, und den üblen Ge­ruch von meiner Geniemässigen Schludderei, Leichtsinn und Saumseeligkeit in den balsami­schen Wolgeruch der Promtitüde und des Fleisses, wie einen ehrbaren Philister eignet und ge­bürt, zu verwandeln. Die Musen sind glüklich zum Teufel gejagt. Was Verse sind? Wie sie aussehen? Wie sie gemacht werden? das weis ich alles nicht mehr. Ich lebe und webe in Ac­ten und Rechnungen. Jene kamen mir zulezt fast zu hoch zu stehen. Ich konte es nicht mehr aushalten. Adies. Meine Unterschrift sey dir ein Zeichen meiner Metamorphose! Bürger Au­gust Gottfried.“ — „O Sprikman,“ ruft er (Oktober 78), „ich möchte des Teufels werden über allen den Zwei-Pfennigsgeschäften, an welche ich hier das beste Mark meines Lebens ver­schwenden mus. Wenn mich nun davor ekelt, wenn ich liegen lasse, so kommen dann, ganz ohne allen Respekt vor dem großen Namen Eures unsterblichen umlorbeerten Freundes, die infamsten Excitatoria an. Das ärgste ist, daß die größte Kleinigkeit, die mich betrift, gleich im ganzen Lande bekant wird. Mein Abscheu und Widerwille gegen die Lumpereien ist öfters so weit gegangen, daß ich nur durch die Rizen in die hochverehrlichen Rescripte hineingeblinzt, und wenn ich gemerkt habe, daß es nichts gedeihliches gewesen, sie unerbrochen und ungele­sen dahin getragen habe unde negant redire chartas. Leider Gottes! aber habe ich das schon durch manche 5 manche 10 Thlr. Strafe büssen müssen. Hole der Henker den Betteltanz!“
Bei jedem Versuch, Bürgers Lage zu bessern, bekamen an zuständiger Stelle die Freunde es zu hören, ein wie lässiger Beamter er sei, und wie wenig seine bisherigen Dienstleistungen eine büreaukratische Förderung rechtfertigen könnten.
Diese geschäftliche Zerfahrenheit, Unzuverlässigkeit und Saumsal, die er später selbst als seinen „Bürgerianismus“ bezeichnete, trat auch im Verkehr mit seinen Freunden hervor. Sein Rath und sein Urtheil, ja sogar seine werkthätige Hilfe war den dichtenden Genossen von höchstem Werth. Gedichtabschriften und größere Manuskripte liefen fortwährend in das alt­engleichensche Amtshaus ein. Aber sie kamen schwer wieder heraus. Und dann erfolgten Re­klamationen. „Der Henker mags wissen“, klagt der Suchende, wohin sich die Goeckingkschen Stanzen verkrochen haben. Innerhalb meiner vier Pfähle sind sie gewiß noch, aber wo? Der Teufel pflegt mir öfter über so was seine verdammte Faust zu halten, blos damit ich mich so hart und schwarz, wie seine Faust, ärgern muß. Ich werde sie noch einst wiederfinden, wenn ich sie nicht mehr suche.“ So geschah es auch.
Wenn es richtig ist, daß man aus dem Munde der Kinder die Wahrheit hören wird, so hat Bürgers achtjähriges Söhnchen, das Unterpfand seiner Liebe zu Molly den Papa richtig beurt­heilt. Es ist so reizend wie rührend, daß der Kleine an seinen kindlichen Spielereien unbewußt verspürt, was dem Vater den Ernst des Lebens so bitterlich schwer machte: „Liebes Väter­chen“ , schreibt (Juni 89) der kleine Emil, den seine Tante erzog, „ich werde nun recht artig weil du es haben willst aber aber du wirst doch auch war halten denn Väter müßen war reden, und wirst mir schöne Sachen schicken. die Bücher habe ich auch noch nicht von dir. Ja du bist mir ein Vater.“ Einige Monate später: „Wie Sie vor den Jahre da waren, versprachen Sie heu­er wieder zu kommen. Sie haben aber nicht wahr gehalten, und versprachen es doch recht sehr. Halten sie nur mit den Gelde beßer wahr, hören Sie libes Vättergen, wißen Sie wohl noch? daß Sie mir 100 Thaler schicken wollten, wenn ich an Sie den ersten Brief schriebe das ist nun wol der dritte und habe noch nicht 100 Pfenge gesehn.“ „Es ist doch ein kleiner Rack­bengel“, fügt die derbe, gemüthliche Tante Müllner diesem Mahnbrief bei; aber sie, die ihren geliebten Bruder Gottfried kannte, wußte genau, wie sehr es der kleine Rackbengel getroffen hatte.
Auch literarische Besteller mußten sich Bürger gegenüber in Geduld fassen und hätten oft an ihn den Ruf seiner Lenore entsenden können: „Wie lange willst Du säumen?“ „Wenn mir nur nicht so viele Leute die Hölle heiß machten und zum Homer mahnten!“ stöhnt er (Januar 77 an Sprickmann). Der große Schauspieler Schröder in Hamburg, den Bürger bei einem Gastspiel in Hannover kennen gelernt hatte, wartete auf die verabredete Macbethübersetzung Jahre lang. Was ein heutiger Theaterdirektor nicht mehr thäte, er wartete geduldig, während er von Zeit zu Zeit ein höflich-dringendes Mahnzettelchen an den Dichter sandte, dem er allein diese Arbeit zutraute. Während aber die Stunde drängte, während in Hamburg Dekorationen und Kostüme bereit lagen und durch das starke Interesse für Hamlet und Lear die Gelegenheit günstig war, gelangte Bürger auf seinem „Hungerdorfe“ von Skakespeare wieder einmal in den Ossian hinein; so wenig Freude er früher durch den Vorsprung Fritz Stolbergs mit seiner Iliasübersetzung erlebt hatte, so rasch war er entschlossen, sich an den Ossian zu machen. Der kluge Freund Boje warnte vor dieser zeitraubenden und wenig einträglichen Thätigkeit. Bür­ger aber, obwohl ihm das Messer scharf an der Kehle sitzt, obwohl er von literarischen wie merkantilischen Gläubigern umdrängt wird, erwidert: „Mit meinem Ossian ist es nicht gerade auf den Gewin abgesehn. Es jammert mich nur, fast jeden seiner Töne verstimt in den bisheri­gen Dolmetschungen zu hören. .. Deine Gründe gegen das Unternehmen sind vollkommen richtig; indessen wil ich doch, wäre es auch nur zu meiner alleinigen poetischen Erbauung, forfahren, mich mit dem großen Könige der Lieder zu beschäftigen. Was jetzt nicht zu ge­brauchen ist, steht vielleicht künftig zu gebrauchen.“ Geschäftsklug und lebensweise ist das nicht gedacht. Aber es liegt etwas von jenem Elemente drin, ohne das eine große Poesie im Menschen nicht entstehn kann: der gebieterische Ruf des Genius „Die Sache will´s“.
      Die Ossianübersetzung ist zu Stande gen[k]ommen und schließlich auch die Macbethüber­setzung; und die Reihe dessen, was Bürger auf literarischem Gebiete außer seinen Gedichten vollbracht hat, ist nicht gar so kurz. Wenn daneben Vieles liegen blieb und scheiterte, so ist der Grund gewiß auch in ihm, mehr aber noch um ihn herum zu suchen. Als er (Mai 77) an Boje die schöne Ballade „Der Bruder Graurock und die Pilgerin“ geschickt hatte, fügte er bei: „Trotz allen Geschäfften und Zertreuungen, die mich umgeben, reißt sich doch in den Zwi­schenmomenten allerley loß.“ Aber ein ander Mal (April 76) klagt er: „Ach! daß ich zu so herrlichen Zeiten keine Musse habe und die Flamme vergebens brennen lassen muß! Bey Gott! Ich fühle mich schier stark genug und von dauerhaftem Athem, das große Nationalge­dicht ... zu Gange zu bringen.“ Und auch noch ein Jahr später: „Es kommen mir zwar jezt öf­ters Stunden der Weyhe, nur leider darf ich sie nicht nüzen. Ich werde von außenher gar zu sehr bestürmt. Ob ich wohl noch einmal in meinem Leben zu einiger Ruhe kommen werde? Vielleicht, wenn die güldnen Tage der Jugend, der Wärme und der Krafft dahin sind.“ Dieses Verhängniß seines Lebens hat er in Briefen an Gleim und Boje selber epigrammatisch ausge­drückt: „Niemand kann zween Herren dienen, dem Mammon und den Musen“. Wie schwer das zu jenen Zeiten war (ist es heute viel anders?), erhält Bürger von Freunden bestätigt. Graf Fritz Stolberg, der ihm eine Beamtenstelle im Oldenburgischen verschaffen soll, schreibt (Fe­bruar 87) an ihn: „Außer wenigen Edeln hält der ganze übrige Pöbel, und vor Allen der durch­lauchtige, den Dichter für einen zwar seltenen, aber losen Vogel, der nicht in die Wirthschaft taugt. Weil wir fliegen, glaubt man, daß wir nicht gehen können; und wenn wir auch in Ge­schäften heller sehen, hält man uns für übersichtig.“ Aber auch Boje, den die Genies mit einer humoristischen Mischung von Hohn und Respekt zu den „ordentlichen Leuten“ rechneten, und der ein musterhafter Staatsbürger war, muß daraufhin, daß der Freund bei den Obrigkei­ten schlecht angeschrieben war, einräumen: „Und daß du Verse machst, ist das allerschlimms­te. Wenn du Karten spieltest, würde manches gar nicht bemerkt werden.“
Verzweifeltes Sichdreinergeben und Sehnsucht hinaus wechseln in Bürgers Stimmung. An Boje, den Ordentlichen, Vorsichtigen und Vernünftigen, schreibt er (Juli 78): „Ich mus eine neue Bahn anfangen, auf welcher ich wahrscheinlich den Musen gute Nacht sagen mus. ... Verbrennen! Verbrennen wil ich alles, was dem ähnlich sieht und mein mir beschied­nes Tagwerk wie alle andre ehrliche Altagsleute nach seiner Leier täglich umpflügen, bis an mein seeliges Ende“. Diese Entsagung steigerte sich bis zum Verzweiflungsschrei. „Ich bin wie in ein dumpfes Grab verschlossen, und kan nicht athmen, ich ersticke. Grosser Gott! du giebst mir das Vermögen zu leben, und nicht den Ort, nicht die Gelegenheit!“ Aber an Sprick­mann, den wahlverwandten Schwarmgeist, schreibt er (Oktober 77): „Hör einmal Pursche, ich habe einen gar verdammten Gedanken. Nehmlich den: Alles zusammenzuraffen, in Ordnung zu bringen, mein Haus zu bestellen, die Meinigen zu versorgen, und dann ... erwerthern nicht! aber allenfalls bewaschingtonen. Denn unsere Weiber, wenn wir sie versorgen, verliehren nichts an uns. Oder, was meint Ihr, wenn wir so viel noch zusammenkrazen und mitnehmen könnten, um uns am Rhein oder einer andern anmuthigen geseegneten Gegend ein Häuschen und einen Weinberg zu kaufen. Darinn als ein Bauer zu arbeiten, zu leben und zu sterben, stelle ich mir gar paradiesisch vor.“ — Auch Boje kriegt ähnliches zu hören: „Ich will aber noch glücklich seyn. Das hoffe ich bei einer Schaale vol Milch und Brod im Bauernkittel zu werden.“ Es war im Herbst 1778, die Welt stand unter dem Sternbilde Rousseaus. Auch der niedersächsische Bauernsprößling, der doch die vielgepriesene Ländlich-Sittlichkeit kennen mußte, verhofft sich ein arkadisches Idyll am Busen der Natur. Es waren Pläne, es waren Luftschlösser. In Wahrheit verblieb Bürger um und in Göttingen. So oft er seine Stellung wechselte, belebte ihn neue Hoffnung, die nur zu bald neuer Enttäuschung den Platz räumte. Als er am Amtmann verzeifelt hatte, schreibt er (Dezember 85) seinem Schwager: „Es war in dem elenden Edelmanns-Dienste nicht mehr auszuhalten. Es ging dabei nicht nur alle mein Armüthchen, sondern auch Gesundheit und fast das Leben zu Grunde.“ Als er die Pachtung aufgab, schrieb er an Gleim, sie sei für ihn sehr ruinös gewesen. Und als er endlich in Göttin­gen die Professur ohne Gehalt bekommen hatte, ließ er sich (Oktober 89 an Boje) vernehmen: „Ich treibe jetzt mehrentheils Kartoffelstudia. Denn ich habe dirs, glaube ich, schon letzthin gemeldet, daß ich nun hier ein Herr Professor geworden bin. ‚Da bist du was rechts!’ wirst du mit Major Tellheim sagen.“
 Wie bei den meisten Menschen, so ist man auch bei Bürger nicht abgeneigt, die Schuld an seinem Unglück weniger in den Verhältnissen und im eignen Naturell, als bei den Mit­menschen zu suchen. Von früh an ist seine Gesellschaft nicht immer die beste gewesen. Schon in Halle als junger Student der Theologie und später der Rechtswissenschaft gerieth er an den berüchtigten Klotz, den „Geheimderath“ Lessingischen Angedenkens. Dieser elegante Lateiner war nicht nur ein flacher Gelehrter und windiger Schöngeist, sondern auch ein lusti­ger Bruder, der im Weinhaus und mit Weibern seine Würde oft genug hinwarf, ohne daß er, wie sein Vernichter Lessing es forderte und konnte, im Stande gewesen wäre, sie wieder auf­zuheben. Von diesem Klotz schrieb Lessing: „Besonders hatte er einen Schwarm junger auf­schießender Skribler sich zinsbar zu machen gewußt, die ihn gegen alle vier Theile der Welt als den größten, außerordentlichsten Mann ausposaunten und ihn in eine solche Wolke von Weihrauch verhüllten, daß es kein Wunder war, wenn er endlich Augen und Kopf durch den narkotischen Dampf verlor.“ Einer dieser Skribler sollte eben damals, als Lessing sein großes Strafgericht losließ, auch der einundzwanzigjährige Bürger werden. Klotz schmeichelte seiner Eitelkeit und versprach ihm goldne Berge. Wofern er selbst nur länger in Halle bleibe, werde er seinen jungen Freund gewiß bald als Hallenser Professor begrüßen. Das wüste Leben in Halle mußte sehr bald nicht nur dem Geldbeutel, sondern auch dem Biedersinne des alten Großvaters in Aschersleben zuwider werden. Er fing an, zu schelten und zu knausern. Da leg­te sich der muntere Geheimrath ins Mittel. Indem er dem Alten durch seine Autorität und Würde als Lehrer zu imponiren suchte, ging sein Absehn nur drauf aus, dem Zechkumpan Geld in den Beutel zu schaffen. Aber der alte Bauer war schlau genug, den Unrath zu riechen, und schickte sein Enkelsöhnchen von Halle nach Göttingen. Auch hierhin folgte Klotzens Schatten. Einflußreiche Lehrer der Universität, wie Heyne und Böhmer, suchte er seinem Jün­ger durch boshafte Witze zu verleiden. Dafür aber empfahl er ihn an das Haus seiner Schwie­germutter, wo Bürger in die Arme eines lüderlichen Frauenzimmers fiel und in allerlei unlieb­same Händel mit Raufbolden gerieth. Der Großvater zog ganz seine Hand von ihm. Klotz wollte persönlich vermitteln, aber die grobe Behandlung, die dem Herrn Geheimrath im Hofe zu Aschersleben angediehen wurde, kann als ein ergötzlich derbes Seitenstück zu Lessings gelehrter Abfertigung gelten. Der Knüttel des niederen Bauernverstandes und die Damasce­nerklinge des höchsten wissenschaftlichen Geistes trafen denselben Schädel. Für Bürger war es ein Glück, daß sein trunkfröhlicher Mentor bald starb. Er konnte sich nun desto eher auch von dessen geistigem Einflusse befreien. In jenen Hallischen Studententagen hatte der junge Bursch gewiß feurig für seinen Meister gegen Lessing Partei genommen. Elf Jahre später (Mai 79) schreibt er an Boje: „Wie hat sich mein Geist an dem Nathan gestärkt! Wie verlangt mich, dir alles zu sagen, was mir dabei eingefallen ist und noch einfällt.“ Damals hatte er dem Dichter des Nathan die antiquarischen Briefe längst und gern verziehn.  Ein milderer Schutzgeist war nach Klotzens Tod an seine Seite getreten und versöhnte ihn auch wieder mit dem grolenden Alten in Aschersleben. Es war Gleim. Wie Klotz, hatte auch Gleim stets einen Schwarm junger aufschießender Skribenten um sich, an denen er nicht im­mer Freude erlebte und zwar um so weniger, als er sich diese „Halberstädter Dichterbewahr­anstalt“ (ein Wort Erich Schmidts) nicht zu selbstischen Zwecken hielt, sondern aus Liebe zur Poesie und zur Jugend. Bürger liebte und verehrte in dem gütigen Kanonikus stets sein „liebes Väterchen“. Freilich konnte ihm auch Vater Gleim nicht viel helfen. Als Dichter flog Bürger weit über seinen Horizont hinaus. Eines der ersten Gedichte, die Bürger an Gleim sandte, war „Das Dörfchen“, ein ideales Landschäftchen, das noch dazu unorginell dem Bernard nachge­bildet ist, von dem Feiler Boje mehr für sich selbst als für Bürger in Anspruch genommen wurde und dessen Tonart durch Verse wie diese bezeichnet wird:

     Schön ist die Flur     
     Allein Elise     
     Macht sie mir nur     
     Zum Paradiese.

Gleim schwamm in Wonne und flehte um nur noch zwei solcher Liedchen; damit vermaß er sich, daß Herz Friedrichs des Großen für Bürger zu gewinnen. Der König liebte Bernard, warum sollte er nicht seinen Verdeutscher lieben lernen? Aber diesen Verdeutscher zog von Bernard und von der stillen, würdigen Beschaulichkeit Gleimischer Freundschaft ein düstrer Dämon weg.
Allen den unerquicklichen Kabalen, die Bürger mit einem angeberischen Pastor und and­ren Störenfrieden hatte, will ich hier nicht nachgehn. Denn sie haben keine greifbare Spur in seiner Dichtung hinterlassen. Mehr als solche feindnachbarlichen Kabalen machte die Liebe dem Herzen Gottfried Augusts zu schaffen. Hier bluten die Wunden dieses armen Lebens am reichsten. Hier wußten die Moralisten schon zu Lebzeiten und später in den Literaturgeschich­ten das Meiste am Zeuge zu flicken. Alle jene leblosen Moralbegriffe, mit denen man auch dieser Tage noch in Säkularbetrachtungen eine vielfältige und in ihrer Vielfältigkeit singuläre Menschennatur abzukanzeln liebt, wie „Haltlosigkeit,“ „Unsittlichkeit,“ „Charakterschwäche“ - nirgend ist dieser abstrakte Maßstab kältern Herzens angelegt worden, als an das Liebesle­ben des Dichters der Mollylieder. Aber so wenig man heute bei einer Persönlichkeit wie Hein­rich Heine dem problematischen Menschen die Ehrung weigern darf, die dem Dichter gebühr­te, so wenig ist bei Bürger Poesie und Leben zu trennen. Wer am Baum die goldensten Früch­te prangen sieht, soll nicht klagen, daß diesen Baum ein unreines Erdreich nährte.
Zurück zum Seiteninhalt