Direkt zum Seiteninhalt

Schlenther - Bürger im Kampf um die Liebe - bürger_mobil

II. Bürger im Kampf um die Liebe.
[Sonntagsbeilage Nr. 24 zur Vossischen Zeitung Berlin 17. Juni 1894, Nr. 278]

         Weh mir! Alle Eingeweide
         Preßt der bängsten Ahndung Krampf!
         O ich armer Mann, wie meide
         Ich den fürchterlichen Kampf?
                                                                  E l e g i e. Als Molly sich losreißen wollte.

Zu Goethes beispiellosem Glück gehörte seine Mutter, die mit ihm jung gewesen war und in­nerlich nie alterte. Er sah in sie hinein wie in einen Spiegel, der ihm das klarste Anlitz seiner eigenen Seele zeigte. Dieser Anblick gab ihm Heiterkeit und Ruhe des Herzens, das wie im weiblichen Takte schlug. Bürgers Lebensunglück fing schon mit der an, die ihm das Leben gegeben hatte. Früh mußte er ihren groben Händen weggenommen werden; die zeitige Ent­fremdung wirkte für immer. Als sie ihm in einem „sonderbaren Briefe“ drei wochen zu spät den Tod des alten Großvaters, dem er ein herzliches Grablied singt, meldet, „macht er sich keine Rechnung, nur Gutes von ihr zu empfangen.“. Erst als sie zwei Jahre später selbst im Sterben liegt, verlangt ihr nach dem einzigen Sohne. Er findet sie nicht mehr vor. Einer seiner Freunde meint: „Deiner Mutter Tod mußte Dir natürlicher Weise im Anfang wol zu Herzen gehen. Aber sonst glaube ich, kannst Du nun doch wol besser und bequemer leben alssonst.“ Welch ein Andenken diese Frau bei ihren eignen Kindern hinterlassen hat, beweisen einige Zeilen, die noch 14 Jahre nach ihrem Tode die Tochter, Friederike Müllner (die Mutter des Schicksalstragöden), eine prachtvolle Frau, an den Bruder schrieb. Sie will ihn vor den Schlingen einer Kokette bewahren, und um ihn recht abzuschrecken, schreibt die gute Müll­nerin: „Unsere Molmerswender Mama war ein Engel gegen sie. Auch in ihren scheußlichsten Furien-Blicken kam sie dieser heute noch nicht bey.“ In der Mutter pflegt der Mann das Weib verstehn zu lernen. Von der mütterlichen Hand wird in sein Wesen eine Kultur gelegt, die ihn nicht nur an Ritterlichkeit und Zartgefühl gegen gleichgestellte Frauen gewöhnt, sondern ihm auch die siegende Gewalt des weiblichen Schutzbedürfnisses zu einer Bedingung seines Glückes macht. Wer diese Kultur nicht schon vor der Mannesreife empfangen hat, wird ihrer stets entbehren. Sie gehört zu den Dingen, die Hänschen dem großen Hans mitbringen muß. Bürger ist ohne diese Kultur durchs Leben gegangen. Er war daher in seinem Verhältniß zu Frauen so oft Gefühlstäuschungen ausgesezt.
Als halbwüchsiger Bursch begann er, wie es jeder Andre auch gethan hätte, um die schö­nen Kinder von Aschersleben und Halle leicht zu tändeln. Für solche grünen Herzenskeime fand er noch mit zwanzig Jahren einen lyrischen Ausdruck, der tief in Schulweisheit steckt. Aus diesen Liebesklagen um eine ungewisse Chloe merkt man, daß der Sänger seinen Pausa­nias, seinen Tibull gelesen hat. Es ist alles noch schulfüchsiger Kindertand. Bald neckt er ein Mädchen, das mit der Puppe spielt, bald wirft er sich in die Brust und giebt der Weisheit, ihn warnt, den Trost, daß sein Amor ja nur der platonische Armor sei,

    Mit dem Petrarca sich verband,
    Dem einen Tempel unser Gleim geweyhet,     
    Dem auch Jacobis fromme Hand
    Altäre baut und Blumen streuet.

    Was freilich dieser züchtige Sänger, der so würdevollen Vorbildern nacheifert, gleichzei­tig mit Klotz und Klotzens Göttingischer Weibersippe durchmachte, hat er seinem „Saiten­spiele“ nicht vertraut; er schildert sich nur selbstironisch als einen tändelnden Stutzer, der sich in lüsternen Phantasiegebildchen behagt. Auch die bessere Gesellschaft, in die Bürger endlich kam, die ekstatischen Dichterjünglinge des Göttinger Hains, gut gebildete und wohl erzogne, dem Idealen zugewandte junge Männer, vermochten noch nicht, die Liebeslyrik ihres vollblü­tigern Genossen von den konventionellen Formen und Gedanken zu befrein. Einer wesenlo­sen Adelina gelten geheuchelte Leiden. Er gefällt sich in der Positur des schmachtenden, um eines andren willen verschmähten Liebhabers. Seine Sehnsucht nach Sklavenketten steigert sich zu matter Eifersucht:

     Schöne Buhler werden kommen,
    Werden dich um Liebe flehn;
    Und du wirst von deinen Frommen
    Zu dem Schönern übergehn.

Er ist noch ein gleimisirender Lyriker, der auch in der Umarmung mit den sanften Freun­den Hölty und Miller seinen Kittel abgefärbt hatte; oder er ist der abstrakte Liebesdichter, der sich in die Rolle der mittelalterlichen Minnesänger hineindenkt und mit der nie erfüllten Hoff­nung tändelt:

     Geliebt, geehrt, bis an mein Ziel
    Von einer Flur zur andern,
    Werd ich mit meinem Saitenspiel,
    Herbeigerufen, wandern.

    Der Arme wanderte jedoch nicht durch die Fluren, sondern ins Gelliehäuser Amt, wo er unter vielen unerquicklichen Aktenarbeiten eine große Gunst fand: eine empfängliche, dichte­risch empfindende, fromme Frauenseele, die ihn an sich zog. Es war die Gattin seines Vor­gängers, die Hofräthin Listn. Als Bürger in ihr Haus zog, war er 24 Jahre alt; sie ist wesent­lich älter. Sie ist eine der schönen Seelen ihrer Zeit. Sie kann sich über ideale Fragen ereifern und glaubt an einen Kontakt mit der Geisterwelt. Sie liest Lavaters Tagebuch und mit Bürger zusammen die neuste der literarischen Neuigkeiten, Lessings Emilia Galotti. Sie wird von Boje und den Grafen Stollberg herzlich und dauernd verehrt. Der greulige Klopstöckler Cra­mer, der, wie immer selbstgefällig übertreibend, sie eine honette „Matrone“ nennt, schwankt im Urtheil über sie, ist aber in seiner lärmenden Originalitätsfexerei nicht ernst zu nehmen. Bürger hat fast zwei Jahre (Juni 72—März 74) bei Listns gewohnt; während der Hofrath als Vormund Uslarischer Kinder zumeist Geschäfte in Hannover abzuwickeln hatte, leistete Bür­ger der Frau Gesellschaft. Er wünscht sie sich zur „Genossin in den paradiesischen Lauben“ und verspürt durch ihren Umgang neue dichterische Stimmungen, ein neues „unbeflecktes Harfenspiel“. Sie richtet den Blick des Dichters gen Himmel und sucht einen Einfluß, wie ihn um dieselbe Zeit das Fräulein von Klettenberg auf Goethe hatte. So sitzen sie an langen Win­terabenden beisammen und vergleichen die irdischen Leiden mit den Aussichten in die Ewig­keit. Die Folge davon ist ein tief und echt empfundenes, vortrefflich geformtes Gedicht, das in jedem Andachtbuch stehn könnte:

  Mit dem naßgeweinten Schleier
    Lösch’ ich meine Thränen aus.
    Und mein Auge schauet freier
    Ueber Zeit und Grab hinaus.

Der Glaube, daß Erdenleid himmlisch gelohnt werde, spricht sich am reinsten in dem Ver­se aus:

    Keine Zähre darf uns reuen;
     Denn sie fiel in Gottes Hand.

Der Schluß wendet sich persönlich an die Seelenfreundin, die vor der Welt Agathe heißt:

     Mich begleite jede Wahrheit,
    Die du schmeichelnd mir vermählt,
    Zu dem Urquell aller Klarheit
    Wo kein Reiz sich mehr verhehlt.

Wenn die Himmelsfreundin das Band etwas lockerte, kamen freilich aus derselben from­men Dichterseele auch andre Töne, und ein Danklied preist die Wonnen dieser Welt. Bürger genießt, um, mit dem alten Brockes zu sprechen, zu jener Zeit auch ein irdisches Vergnügen in Gott. Hierzu gehört die Freude an sich selbst. Er danket dem Allgütigen:

    Vor Tausenden gab deine Gunst
    Des Liedes und der Harfe Kunst
    In meine Kehle, meine Hand;
    Und nicht zur Schande für mein Land.

    Er durfte so selbstbewußt lobsingen, denn eben damals entstand in ihm sein populärstes Gedicht, die Lenore; und es ist mir nicht zweifelhaft, daß die tendenziöse Schlußpointe: „Mit Gott im Himmel hadre nicht“ den frommen Stempel der Hofräthin trägt. Das Verhältniß der Beiden blieb rein platonisch. Als sich aber der poetische Hausfreund einem blutjungen Nach­barstöchterchen zu neigen begann, als Jugend nach Jugend ging, verfiel die im höchsten Gra­de hysterische und melancholische Dame schwerem Siechthum. Sie büßte, wie Bürger an Boje schreibt, ihren besten Theil ein, den Verstand. Nur noch wenige Monate hielt es der Freund unter dem „fatalen Hauskreutz“ der armen Wahnsinnigen aus. Dann zog er dorthin, wo sein Mädchen wohnte. Aus dem düstern Amtsgebäude in Gelliehausen nahm er aber doch einen Trost für das Leben mit; den frommen Glauben seiner Seelenfreundin. Mit dem Gellie­häuser Pastor gerieht Bürger bald in die bitterste Todfeindschaft, die auf gegenseitiges Ver­derben sann; und die Folge davon war ein ingrimmiger Abscheu gegen alles pfäffische We­sen. Mit dem Gelliehäuser Gott aber blieb Bürger zeitlebens auf bestem Fuße. Ein zuversicht­liches Gottvertraun begleitet ihn durch alle Wirnisse seines Schicksals.
Dieses Schicksal sollte sich bald genug wieder verwirren. Unweit Gelliehausen liegt die Burg zur Niedeck. Auch hier befand sich ein Justizamt. Während aber das in Gelliehausen postirte altengleichensche Amt unter Botmäßigkeit der Herren von Uslar stand, ressortirte das Niedecker direkt von der hannoverschen Regierung. Auf der Niedeck waltete damals der Amtmann Leonhart, ein kräftiger Funfziger, ein guter Mann, der Gott einen noch bessern sein ließ. Er verlor seine erste Frau ungefähr um dieselbe Zeit, als deren jüngere Schwester ihren ersten Mann, den Arzt Strecker, verlor. Die beiden hinterbliebnen Theile vermählten sich. Die Frau brachte aus erster Ehe zwei Töchter mit und war den fünf Kindern, die sie vorfand, eine gütige Stiefmutter. Aber weder sie noch der Vater kümmerten sich um Erziehung und Ausbil­dung. In aller Treuherzigkeit wuchsen die Kinder heran, wie die Blumen auf dem Felde. Als Bürger ins Haus kam, ein junger Mann von 25 Jahren, waren zwei Töchter bereits erwachsen. Anna, die Aelteste, die sogenannte „Ente“, hat stets mit Bürger treue Freundschaft gehalten; als die Ente längst den Amtmann Eldenhorst [Elderhorst] in Bissendorf geheirathet hatte, nahm sie Bürgers verwaiste junge Brut unter ihre breiten Fittige. Die zweite Tochter, ein Mädchen von 18 Jahren, hieß Dorette. Zwischen ihr und Bürger blieb es nicht bei der Freund­schaft. Im März 74 fragt Bürger bei Boje an: „Wißt Ihrs schon, Freund, daß ich mich hier ver­plempert habe?“ Als Bürger damals diese vulgäre Ausdrucksweise brauchte, ahnte er noch nicht, wie ernstlich sie zutraf. Denn damals war er ganz Liebhaber, der von seiner Auserkor­nen versichert: „Mag sie doch andern nichts seyn, mir ist sie alles.“ Boje knüpft an seinen Glückwunsch die Frage: „Aber begeistert Sie die Liebe zu keinem Gesange? Sie hätten die Liebe feurig singen müssen, oder kein Dichter kann’s!“ Doch die Sangeslust war nur gering. Offenbar kam der Verlobte nicht viel zur Einkehr in sich selbst. Was später in der Ballade Ro­settchen von Taubenhain erfahren sollte, geschah zur lauen Sommerzeit auch dem Dorettchen auf Niedeck: „Ach Liebender Glauben ist willig und zahm.“ Aber Bürger handelte anders als der treulose Junker vom Falkenstein. Er forderte das Liebchen zur Frau. Im November war die Hochzeit, und das Kind, das sechs Monate später zur Welt kam, war ehrlich. In den Flit­tertagen erwacht Bürgers Muse zu einem „neuen Leben“:

    Ei! wie so wach und froh,
    Froh und wach sind meine Sinnen!
    O, von welcher Sonne floh
    Meines Lebens Nacht von hinnen!

    Im Unterschiede zu den spätern Mollyliedern kann man dieses Gedicht mit einigen weni­gen andern als Dorettenlieder bezeichnen. Sie sind banal und ohne tiefere Empfindung. Der Dichter holt sich sein Rüstzeug nicht vom eignen liebenden Herzen, sondern aus dem Arsenal der Minnesinger. Auch scheinen schon in der Brautzeit öde Stunden über ihn zu kommen, denn das Bedürfniß nach Lektüre ist bei beiden Liebesleuten groß. Die Freunde in Göttingen können nicht genug Lesefutter schicken; offenbar ist es Bürgers Wunsch , den Geschmack des Weibes zu bilden. Das scheint ihm auch gelungen zu sein. Denn unter den spärlichen Aeuße­rungen über seine Frau findet sich (Dezember 76) diese: „Millers (des Siegwartdichters) Briefwechsel gefällt mir und meiner Frau, die gar nicht unrichtig zu urtheilen pflegt, sehr we­nig“. Ein solches Lob fällt umso mehr ins Gewicht, als Bürger in demselben Briefe vor dem Heirathen warnt: „Die Ehe — und wenn es auch aufs köstlichste mit ihr ist, ist Mühe und Ar­beit.“ Je mehr Bürgers Herz gegen seine Frau erkaltete, desto ehrlicher ist er betrebt, ihr ge­recht zu werden. In demselben Briefe, wo er sich sehr drastisch über eheliches und außerehe­liches Liebesglück äußert, theilt er (August 77) Boje mit, er sei hinter einige geschriebene Heimlichkeiten seiner Frau gekommen, die gar erstaunlich viel Anlage verriethen: „Es ist aber ein gar schnurriges Weib. Von allen dem läßt sie keinem Menschen, am allerwenigsten mir was sehen. Wüste sie, daß ich was davon ausspionirt hätte, so wäre alles aus. Ich muß sie also in der Stille beginnen laßen und verstohlen sehn, was heraus kömmt!“ Eine dieser Heimlich­keiten steht unter Bürgers Gedichten, ist von ihm, wie er es in seinem Musenalmanach auch mit den Erzeugnissen andrer that, ausgefeilt worden und heißt „Muttertändelei“. Es ist in nai­ver schlichter Weise der Stolz und die Freude am Besitz eines rothwangigen, goldzottellöcki­gen, wohlgenährten, heitern Kindes ausgesprochen, das sie keinem zutraut und keinem anver­traut. In der Liebe zu diesem Kinde blieben die Gatten einig; als es ihnen durch den Tod ge­nommen wurde, kam übers Jahr der erwünschter Ersatz.
Das junge Amtmannspaar war bald nach seiner Verheirathung nach Wöllmarshausen ge­zogen, aber mit Niedeck blieb ein reger verwandtschaftlich-freundschaftlicher Verkehr. Die­ser wurde noch inniger, als sich im Frühjahr 77 der alte Amtmann Leonhart plötzlich nieder­legte und starb. Jammer und Noth waren groß. „Meine Frau“, rühmt Bürger, „ist noch die ein­zige, die noch etwas Besonnenheit hat.“ Mitten in den Geschäften, die Leiche und Nachlaß mit sich bringen, denkt Bürger auch an die eigne Zukunft. Wenn er der Nachfolger seines Schwiegervaters würde, so würde er nicht nur die lästige Bevormundung der Herren von Us­lar los, sondern auch seine Stellung höbe und er könnte besser für die hinterbliebene Familie seiner Frau sorgen. In fieberhafter Bewegung, leider umsonst, wendet er sich an Boje nach Hannover, damit dieser für ihn wirke. Seinen „Bürgeranismus“ scheint er ganz verloren zu ha­ben. Er ist thätig, sorglich und eifrig. Die verwaiste Familie hat Schutz und Trost an ihm. Es kostet ihn unendlich viel Zeit und Mühe, alles in Ordnung zu bringen und den jungen Söhnen eine Unterkunft zu schaffen. Und wie geht in diesen Sorgen sein gutes Herz auf! Wie weiß er zu trösten, zu warnen, zu mahnen! Seinen jüngsten Schwager Georg, das Nestküken, den all­gemeinen Liebling, einen hübschen siebzehnjährigen Jungen hat er als Kadetten unterge­bracht. Er giebt ihm auf die Reise ein wahres Poloniusbrevier mit; als der Junge über Heim­weh klagt, schreibt er ihm Briefe, die jeder lesen sollte, der an Bürgers liebenswürdiger Treu­herzigkeit und gemüthvoller Laune zweifelt.
Was den Ton dieser Briefe so brüderlich und beinahe mütterlich macht, war allerdings nicht allgemeine Menschenfreundlichkeit und Leutseligkeit. Auch ein gutes Herz öffnet seine Gründe nicht jedem  Ersten Besten. Der Knabe Georg war nicht nur Dorettens liebster Bruder, sondern er hatte auch den Blondkopf und die himmelblauen Augen einer Andern. Als Bürger nach Niedeck zog, hüpfte in demselben Garten, wo er sein bräutliches Glück fand, ein halb­wüchsiges Mädchen umher, die jüngste der Schwestern. Im Hause ward sie die Guste ge­nannt, in den Liedern ihres Dichters heißt sie Molly. Als Bürger sich mit seiner Dorette ver­mählte, hielt er die Kleine noch für ein Kind. Zu spät erkannte er, daß erst sie die Rechte für ihn war. Noch als der Vater lebte, war es im Leonhartschen Hause offnes Geheimniß, daß Bürger und Gustchen einander gern hatten. Unter den Freunden Bürgers waren nur Göckingk und Sprickmann, die in ähnlichen Wirrungen lagen, ins Vertrauen gezogen.
Boje, der nächste Berather in allen poetischen Dingen, erfährt von diesem Liebeshandel nichts. Man fürchtet wohl seine sittenstrenge Miene. Aber dem Freunde Sprickmann wird (Ja­nuar 77) geklagt: „Alle Gesundbrunnen der weiten Welt werden den Brand nicht kühlen, der mir in allen Adern und in dem innersten Marke wüthet. Gott! Gott! Was ist das im Menschen was die Leute Liebe nennen?“
Und Oktober 78 heißt es: „Ich schmachte noch immer und werde leider Gottes! so lange schmachten, bis ich mir die Seele ausschmachte.“ Um jene Zeit merkte (sei es durch Klatsch, sei es durch den Spürsinn der Freundschaft, sei es durch die neuen Lieder, die plötzlich ihren eignen Ton hatten) auch Boje, daß nicht alles in Ordnung war: „ Ich fürchte, du hast irgend einen Seelenkummer, den du mir nicht sagst, der dich abspannt und dich unthätig macht.“ Bürger hält noch immer hinterm Berge, aber gelegentlich stöhnt er auf: „ Ach! — mein tief­verwundetes, ewig unheilbares Herz! — Kein Sterblicher hat noch seinen Tod eifriger ge­wünscht, als ich.“ Viel offner ist er gegen seinen Schwager, den kleinen Fähnrich Georg, dem er (Oktober 82) mittheilt, daß Gustchen den nächsten Winter bei seiner Schwester Müllner in Langendorf bleibt. Er fügt hinzu: „Ob sie mich gleich dort entbehren muß, so lebt sie doch dort in anderen Betracht glücklicher als anderswo.“ Und Frau Dorette bestägtigt mit derselben Post die Nachricht von Gustchens Abwesenheit. Wie sehr sich diese ruhige, sanfte, durch ihr Schicksal zur Philosophin gewordne Frau in die sonderbare Lage zu schicken wußte, geht noch aus einem andern Briefe hervor: „Das stille ewige Einerlei eines ununterbrochenen glücklichen Lebens würde mich, glaube ich, am Ende ermüden; man fühlte die Reize dessel­ben nicht mehr so lebhaft, indeß Abwechselung unseren Hoffnungen und Erwartungen eine Kraft giebt, die uns oft unendlich glücklicher als der wirkliche Genuß eines Glückes macht.“
 Zur Zeit dieser sanften Gefaßtheit war im Müllnerschen Hause jener kleine „Rackbengel“, das Söhnchen Mollys und Bürgers, bereits vier Monate alt. Von seinem Dasein scheint aller­dings der Onkel Georg noch nichts zu wissen. Es scheint aber wirklich, als ob Bürger sich nach der Katastrophe, die eine Trennung von Molly zur Folge hatte, seiner Frau wieder liebe­voller genähert hätte. Fernando kehrt von Stella Cäcilien wieder. Noch im Weihnachtsbrief desselben Jahres schreibt Frau Dorette ihrem „recht lieben George“: „Uebrigens jage nur im­merhin alle dummen Grillen zum Henker, daß wir nun gerade just zum Unglück sollten gebo­ren sein. ich Protestire öffentlich dawieder. Besonders in meiner heutigen Laune. es wird dir schon gut gehn George du bist ein guter Junge, und sieh nur, ich bin ja auch seit einiger Zeit glücklicher, du weist wie wenig ich sonst auf den Sinn dieses Worts Anspruch machen konte! ich freue mich des herzlich, ob ich gleich fürs Künftige vom Schicksal keinen Freibrief erhal­ten habe. Also George, Sorge nicht für den andern Tag, oder mit andern Worten, denck nicht ans Künftige wenn dir das Gegenwärtige Freude macht. Hängen wir nicht immer mehr am leztern?“
Wie viel mehr erschüttert dieser heroische Gleichmuth, als wenn die arme Frau sich in Klagen und Jammer erginge! Anderthalb Jahre darauf starb sie an den langwierigen Folgen ei­ner Entbindung. In der Todesanzeige spricht Bürger von einer „friedsamen und gemächlichen Eheverbindung.“ Er hielt auch das Trauerjahr inne, bevor er diejenige zur Frau nahm, die „seit zehn oder zwölf Jahren nach einem unerklärbaren Verhängniß das Unglück seines Lebens ge­wesen war, um sie dadurch zum Glück seines noch übrigen Lebens umzuschaffen.“
 Bürger konnte sein „kleines liebenswürdiges Weib“ gleich als angehende Frau Professorin nach Göttingen führen. Sie ist „eine gute und fleißige Hausfrau“ und er hofft, daß dies nicht wenig dazu beitragen werde, ihm auf den grünen Zweig zu helfen. Sein Schwager Ludwig Leonhart hatte aber doch Aergerniß an diesen Verhältnissen genommen. Bürger schilt ihn deswegen einen Don Quixote, der sich habe bewindmüllern lassen: „Nein Lieber Junge, wir waren weiter nichts, als arme unglückliche Leute, deren Abscheulichkeit in weiter nichts be­stand, als daß wir uns liebten, ohne uns dies weder gegeben zu haben, noch wieder nehmen zu können. Es hat darunter Keiner mehr gelitten, als wir selbst; und hätten nicht Leute, die es nichts anging, ganz unberufener Weise ihre Nasen dazwischen gesteckt, so würde alles seinen stillen und ruhigen Gang gegangen seyn. Mein Gewissen hat sich nicht vorzuwerfen, daß ich deswegen ein minder guter Ehemann gegen meine verewigte Dorette gewesen sey, als ich wohl sonst gewesen seyn würde. Ich konnte sie jederzeit auffordern und fragen, ob ich ihr im mindesten unwürdig und lieblos begegnet sey, und das werde ich auch noch in jener Welt können, ohne eine gerechte Anklage zu befürchten. Nun, dies ist es ja wohl alles, was dein Herz gegen uns empörte.“
Dieser selbe Brief kündigte auch die nahe Ankunft eines „Erbprinzen“ an. Aber am ersten Weihnachtsfeiertage 1785, sechs Monate nach der Hochzeit, kam ein Mädchen zur Welt, und fünfzehn Tage darauf starb Bürgers Molly im Fieber: „Sie, die Ganzvermählte seiner Seele, Sie, in deren Leben sein Muth, seine Kraft, sein Alles verwebt war.“
In diesem größten Schmerze, der ihm zu Theil werden sollte, fallen ihm die Worte seiner Lenore ein: „Hin ist hin! Verloren ist verloren.“ Und seine furchtbaren Klagen unterbricht er mit dem Verweise: „Niemand nehme sich heraus, mir zu sagen: Bürger, sei ein Mann! Ja denn, ich bin Einer; und zwar ein ganzer Mann, der ich so was, und noch so zu tragen vermag, als ichs wirklich trage.“
Wie die wirkliche Molly gewesen ist, darüber fehlen uns die Urtheile. Auch genügt uns Bürgers Gefühl für sie. Wie sie ihm erschien, so lebt sie in seinen Liedern fort, und wie sie hier erscheint, so ist ihre Gestalt unsterblich. Jeder Wechsel der Empfindungen in diesem Her­zensbündniß findet seinen Nachhall in den Liedern. Zunächst ein frohes Genießen der un­schuldigen Gegenwart. Helle, heitere Töne! Mit den Singvögeln um die Wette trällert der Lie­bende vor dem Fenster der schlafenden Liebsten sein Trallirum larum Leier! Wohl ist Sehn­sucht nach ihrem Besitze da, aber dieses Verlangen getröstet sich der Hoffnung: „Geduld! die Zeit schleicht auch herbei!“ Ueber die Kette, die sein Herz trägt, kann er noch scherzen; ein ausgelassener Gefangener, der selbst dem Gedanken an ewigen Verlust noch nicht ernsthaft Raum geben mag.

    Wann einst des Todes Sense klirrt,
    Eins von uns wegzumähen,
    Ach, lieber Gott, wie wehe wird
    Dann mir und dir geschehen!

    Mitten in diesem frühlingsjungen Glück, das ihn mit erster und mit einziger Liebe zu­gleich umfängt, besinnt er sich, wie wenig er ein Recht auf dieses Glück hat, und noch in halbtändelndem Tone fragt er die Weisen um Rath, wie es kam, daß Schön Suschen, d. h. Do-rette seine Frau ihm einst anders erschien als jetzt. Die Weisen wissen keine Antwort, und so giebt er sie sich selber:

     Drum, Lieb’ ist wohl wie Wind im Meer:
    Sein Sausen ihr wohl hört;
    Allein ihr wisset nicht, woher,
    Wißt nicht, wohin er fährt.

   Aber auch diese Erkärung hält nicht immer Stich. Und Bürgers eigne Liebe zu Molly wi­derlegt sie. Sie dauert und wird fest im Leide. Des Liebenden Sehnsucht steigert sich; wie sei­ne Leonore, möchte auch der Dichter „vor den Wehen der ungestillten Lust“ am liebsten ster­ben. In dieser Stimmung kramt der Dichter unter alten Papieren und sucht ein Lied hervor, worin er eine solche Stimmung ausmalte, ohne selber von ihr beherrscht gewesen zu sein. Er kann nun erst die Probe auf sich selbst machen. Aber den süßen Sommertag, an dem „das Mä­del, das ich meine“, achtzehnjährig wird, läßt er doch nicht vorübergehn, ohne sie gleichsam vor den Spiegel zu führen und ihr schalkhaft ein reizendes Bild ihrer Reize zu zeigen. Sie ist ihm die Krone der Schöpfung. Das Holdeste, was es auf Erden giebt, ist ihrer werth, und er dankt dem lieben Gott dafür. „Wer hat wie Paradieseswelt des Mädels blaues Aug’ erhellt?“ „Wer hat das Roth auf Weiß gemalt, das von des Mädels Wange strahlt?“ „Wer schuf des Mä­dels Purpurmund, so würzig süß und lieb und rund?“ Wer ließ vom Nacken blond und schön des Mädchens seidne Locken wehn?“ Jedem dieser Reize entspricht ein gleichartiges Wunder der äußern Natur; jedoch diese große Schöpfung Gottes verliert allen Werth, darin geboren zu sein,

    Wenn nie in solcher Liebespracht
    Dies Mädel mir auf Erden lacht.

    Aber das Mädel ist mehr als nur die Krone der natürlichen Schöpfung. Sie ist etwas Ue­bernatürliches. Es geht nicht zu mit rechten Dingen.

    Zaubermädel, auf und ab
    Sprich, wo ist dein Zauberstab?

    Und doch vermag alle diese Liebespracht und aller dieser Herzenszauber, all dieser innere Reichthum und Mollys ganzer „Werth“ einen einzigen kleinen Wunsch nicht zu erfüllen:

     Ja, wenn ich Allgebieter
    Von ganz Europa wär’,
    Ich gäb’ Europens Güter
    Für sie mit Freuden her,
    Bedingte nur dies Eine
    Für sie und mich noch aus:
    Im kleinsten Fruchtbaumhaine
    Das kleinste Gärtnerhaus.

    In deutschen Uebersetzungen des Molièreschen Misanthrop sollten diese in schlichtester Volksweise gedichteten Verse für jenes altfranzösische Volkslied eingesetzt werden, wonach sich der Liebhaber, wenn König Heinrich ihm seine große Stadt Paris für das Liebchen böte, auf diesen Tauschhandel nicht einläßt. Kein Uebersetzer war bisher im Stande, diesen Volks­ton zu treffen. Bürger hätte es vermocht.  
Bürgers Wunsch geht nicht in Erfüllung. Molly fühlt sich schuldig. Sie will sich losreißen, und Bürger dichtet nun seine große Elegie, in der alles ausgesprochen ist, was er an der Ge­liebten besitzt, was er an ihr verlöre. Schon hier in diesem Gefühlsgange begegnet ein Motiv, das er später seinem tiefsten und mächtigsten Mollyliede, dem Gedicht an die kalten Ver­nünftler oder, wie es später hieß, an die Menschengesichter zu Grunde legte. Schon in der Elegie bekannte er sich zur Unfreiheit seines menschlichen Willens, zur Herrschaft der Natur über seine seelische und sittliche Kraft.

    War denn diese Flammenliebe
    Freier Willkür heimgestellt?
    Nein! Den Samen solcher Triebe
    Streut Natur ins Herzensfeld.
    Unaustilgbar keimen diese
    Sprossen dicht von selbst empor,
    Wie im Thal und auf der Wiese
    Kraut und Blume, Gras und Rohr.
Diesen ganz modernen Gedanken führt er im allermodernsten Sinne durch. Der Mangel an moralischer Energie entspringt auch ihm aus phsychopathischen Gründen:

     Sinnig sitz ich oft und frage
    Und erwäg es herzlich treu
    Auf der besten Willenswage:
    Ob uns lieben, Sünde sei?
    Dann erkenn’ ich zwar und finde
    Krankheit schwer und unheilbar;
    Aber Sünde, Liebchen, Sünde
    Fand ich nie, daß Krankheit war.

    Mit dem Recht des Kranken heischt er Nachsicht und Milde. Und was will er denn? Er will nur hinschaun nach dem Paradiese, umfahren die schöne Insel, auf der seine Herzenskö­nigin thront, landen will er nicht. Er ist dennoch gelandet. Molly erhörte ihn, sie riß sich nicht los, sie hielt sich fest an ihn. Es kommen wieder selige, fröhliche Zeiten. Das Versteck im wo­genden Kornfeld hütet ihr „Eiapopeia“. Sie sind wie die Kinder, und er neckt sie. Er findet tausend Möglichkeiten unter denen ihre Treue doch wohl nicht stand hielte, und bringt sie schier zum Weinen, nur um so desto öfter und holder in allen denkbaren Wandlungen des Ausdrucks immer dasselbe Geständniß ihrer Liebe zu hören. In diesem wundervollen Gedicht „Untreue über Alles“, das seltsamer Weise unter die Balladen gerathen ist, liegt so viel Son­nenschein, so viel junges, erstes, keusches Glück, daß man glauben möchte, sein Wölkchen hinge am Himmel der seligen Zwei. Und doch hatten auf ihr schaurig süßes Geheimniß schon die „Menschengesichter“ gestarrt: die kalten Vernünftler, die da glauben, der gute Vorsatz ge­nüge, ein Herz zu zwingen.

    Was drängt ihr euch an die Kranken heran,
    Und scheltet und schnarchet sie an?
    Von Schelten und Schnarchen genesen sie nicht.
    Man liebet ja Tugend, man übet ja  Pflicht;
    Doch keiner thut mehr als er kann.
    Die Sonne, sie leuchtet; sie schattet, die Nacht;
    Hinab will der Bach, nicht hinan!
    Der Sommerwind trocknet: der Regen macht naß;
    Das Feuer verbrennet. — Wie hindert ihr Das? —
    O laßt es gewähren, wie’s kann!
    Es hungert den Hunger, es dürstet den Durst;
    Sie sterben von Nahrung entfernt.
    Naturgang wendet kein Aber und Wenn. —
    O Menschengesichter, wie zwinget ihr’s denn,
    Daß Liebe zu lieben verlernt?

    Es kommt zum Abschied. Bürger begleitet die Geliebte, die seinen Sohn unter dem Her­zen trägt, nach Langendorf zu Müllners, wo Schwester Friederike sich sehr von den kalten Vernünftlern unterscheidet und die arme Gefallne in ihr Herz schließt. Er kehrt zu seiner Frau zurück. Was Molly bei diesem Abschied empfand, hat „der Mann der Lust und Schmerzen“ ausgesprochen. Das endliche Glück gesetzlicher Verbindung aber macht den Dichter verstum­men. Das stille Grab, das dieses Glück erst gewährte, hat wohl Ruhe verlangt. Auch scheint die Freude am Besitz minder poetisch zu sein, als Wunsch und Erinnerung. Denn als nach halbjährigem Besitze auch Molly todt ist, als von ihr nur die Erinnerung blieb, fing zwei Jahre später die Harfe des Verlassenen wieder an von ihrem Ruhm und ihrem Reiz zu klingen.
Wie ein Bildhauer wohl bestrebt ist, im Bildniß der todten Geliebten sein Meisterwerk zu schaffen, so ging auch Bürger darauf aus, für das Gedächtniß seiner Molly das Beste zu leis­ten, was ihm je gelungen ist. Er verläßt sich nicht mehr allein auf die Eingebungen des Au­genblicks, sondern er ist bemüht, seiner dichterischen Kunst die feinsten Formenreize abzuge­winnen. So entstanden zwei Jahre nach Mollys Tode die vielumstrittenen Sonette und das Ho­helied von der Einzigen. Das Hohelied ist nicht das Feurigste, auch nicht das Mächtigste, was Bürger geschaffen hat, aber es ist sein erhabenstes Lied. Der Realist verwirklicht hier sein Ideal, indem er die Verklärte als eine Lebende feiert, frei von allen Schlacken des Irdischen und doch ein wandelndes Menschenbild. In die Sonettendichtung tritt man wie in ein Mauso­leum. Molly liegt in marmorner Leichenschönheit da. Alles was einst lebendig war, scheint wieder aufzuleben, und doch ist Todeskälte drüber hingebreitet. Die Wehklage um ihren Ver­lust faßt sich in verhaltene Trauer, dem ernsten Auge fehlen schon die Thränen. Nie sind dem feiervollen Schweigen in Todesnähe schönere Worte gegeben als hier. Und wie man einen Gedächtnißtempel gern mit Bildern aus dem Leben des Umtrauerten schmückt, so werden auch dem trauernden Dichter Eindrücke wieder gegenwärtig, die weit hinter ihm liegen: sein verbotnes Glück, sein langes Werben.
     Das  erste dieser Sonette lautet:

     Nicht selten hüpft, dem Finken gleich im Haine,
    Der Flattersinn mir keck vors Angesicht.
    „Warum, o Thor, warum ist denn nur Eine
    Dein einziges, dein ewiges Gedicht?

    Ha! Glaubst du denn, weil Diese dir gebricht,
    Daß Liebe dich mit Keiner mehr vereine?
    Der Gram um sie beflort dein Augenlicht,
    Und freilich glänzt durch diesen Flor dir Keine.

    Die Welt ist groß, und in der großen Welt
    Blühn schön und süß viel Mädchen noch und Frauen.
    Du kannst dich ja in manches Herz noch bauen.“

    Ach Alles wahr! Vom Rhein an bis zum Belt
    Blüht Reiz genug auf allen deutschen Auen.
    Was hilft es mir, dem Molly nur gefällt?

         Vom Rhein an bis zum Belt lag auch das Schwabenland. Ein Jahr nachdem Bürger diese Sonette gedichtet hatte, war in der schwäbischen Hauptstadt eine lustige Gesellschaft versam­melt und ein hübsches schwarzbraunes junges Mädchen wird mit ihrer Begeisterung für Gott­fried August Bürgers Gedichte aufgezogen. Sie geht auf die Neckerei ein und erklärt, den Mann würde sie unbesehn heuern. Flugs sind einige Reime zu Stande gebracht, in denen das übermüthige „Schwabenmädchen“ dem Göttinger Dichter-Professor Hand und Herz bietet. Durch Vermittlung einer kuppelfreudigen Literatin kommt das Blatt Bürger vor die Augen, und er müßte kein Dichter und kein Bürger sein, wenn er nicht auf den schalkhaften Ton ein­ginge. Es entspinnt sich zwischen Stuttgart und Göttingen ein neckischer Schriftenwechsel, der aber allmählich ernsthafter wird. Keine, die er mit Augen sah, konnte ihm seine Molly er­setzen. Hier aber erscheint ihm ein Traumbild, eine holdselige Sklavin seiner dichterischen Macht. Das ist poetisch, wundersam! Wie, wenn hier das erlösende Schicksal winkte, das dem vierzigjährigen Mann endlich Ruh und Glück brächte? Er wirbt um das Schwabenmädchen, und die Demoiselle Elise Hahn zieht als Frau Professorin Bürger gen Göttingen. „Das Herz muß jedem im Leibe lachen, wenn er den Januar mit dem May so reizend zusammen gepaart sieht“, hatte der Bräutigam in Stuttgart gejubelt.
    Dieser Mai aber war ein stürmischer und wetterwendischer Mai. Die „hardie brunette“, die er einst zärtlich seine kleine schwarze Hexe genannt hat, ist wirklich eine Hexe. Sie be­trügt ihn, verwüstet sein Haus, entfernt ihn von seinen Freunden, untergräbt seinen Ruf und bringt ihn vollends an den Bettelstab. Nach anderthalb Jahren des Schimpfes und der Schande muß er sie aus dem Hause jagen. Ein unendlich langer Brief an seine Schwiegermutter, die Wittwe Hahn in Stuttgart, giebt uns bis ins Peinlichste und Kleinlichste Auskunft über alle schmählichen Vorgänge dieser kurzen Ehe. Der Brief zeigt einen an Leib und Geist gebroche­nen Mann. Auch seine Würde und seine Grazie waren dahin. Es blieb ihm nur noch übrig zu sterben.
Die Göttinger Professoren, die verstohlen hinter den Fenstergardinen seiner Leiche nachsahn, ließen den tief verschuldeten Mann der schwäbischen Elise begraben. Aber dem deutschen Volk erscheint er jetzt nach hundert Jahren an der Hand der blonden Molly; und im blauen Glanz ihrer Vergißmeinnichtaugen geht ein großer Dichter zum Gedächtniß der Nachwelt ein.


Zurück zum Seiteninhalt