III.Bürger im Kampf um die Kunst.
[Sonntagsbeilage Nr. 26 zur Vossischen Zeitung Berlin 1. August 1894, Nr. 302]
Bürgers frühzeitigen Zusammenbruch verschuldeten nicht nur seine unablässigen Kämpfe ums Dasein, nicht nur seine Herzenskämpfe, sondern auch ein Todeskampf auf dem Gebiete der Kunst. Verarmt und betrogen, wie er war, fand er auch hier einen mächtigen Gegner, der ihn zu Boden warf. Bürgers Poesie hat sich von diesem Mordschlage rasch genug erholt. Dem Menschen gab er den Rest. Wenn Bürger auch, wie Schillers Talbot, mit dem Hohne gestorben sein mag: „Unsinn, du siegst, und ich muß untergehn“, so war doch sein Untergang damit entschieden.
Der Schlag wurde von Weimar-Jena aus geführt, von derjenigen Stätte, die für Bürger das Ziel seiner höchsten Wünsche immer gewesen war. Was hätte er drum gegeben, mit Wieland, Herder, Goethe, Schiller in einer Stadt, von einer Luft leben zu dürfen! Wenn er in seinen höchsten dichterischen Idealen zu Homer, Ossian und Shakespeare als den „drei größten Volksdichtern“ aufsah, so war er doch zu sehr Kind seiner Zeit, zu sehr lag ihm die Entwicklung seiner Kunst im Herzen, als daß er nicht mit den innersten Fasern seiner Seele an dem gehangen hätte, was im lebendigen Geschlecht aufstand. Im „Hain“ unter seinen alten Göttinger Genossen, dem feinen, aber zaghaften Boje, dem grobschrötigen Voß, dem zarten Hölty, dem bethränten Miller, den seraphischen Stolbergs, dem albernen Cramer fühlte er sich doch nicht ganz heimisch. Er hielt mit; aber glaubte doch, daß bei den „Edlen in Weimar“ für eine urwüchsige Dichternatur Stärkenderes zu erbeuten wäre, als in diesem blindlings Klopstock nachäffenden Bardenthum: „Denn — unter uns, Freund! — man wird nach und nach der tobenden Haingesänge satt“. (Okt. 76 an Boje.) Gegen den gefeiten Schutzheiligen der Göttinger Bündler wurde Bürger viel früher kritisch als die andern. „Was doch große Leute oft sonderbar sind,“ bemerkt er (Nov. 76 an Boje) über ein Klopstocksches Epigramm. An jenem denkwürdigen Julitage von 1775, wo die Barden Klopstock zu Ehren das Bildniß Wielands verbrannten und in tugendhafter Entrüstung aus Wielands Lustgesängen Fidibusse für ihre Tabakpfeifen verfertigten, war Bürger nicht zugegen. Er hätte an diesem Bildersturm schwerlich Geschmack gefunden. Schon zur Zeit, als Goethe seinen spätern Freund in „Götter, Helden und Wieland“ verspottete, meint Bürger (Mai 74 an Boje): „Wieland geht mir zwar wenig an, aber doch wollen mir die wüthigen Bisse nicht gefallen, die nach ihm geschehen. Unsere BundsGenossen verlieren dadurch in der That etwas von der Würde, die sie behaupten sollten.“ Er ärgerte sich über Vossens „ewige Anzapfung von Wieland“ und, des literarischen Parteigezänks überdrüssig, schreibt er nach Weimar (November 76): „Mein Ohr kann unmöglich das Geschrey mehr dulden: Hie ist des Herrn Tempel! Hie ist des Herrn Tempel!“ Boje stimmt bei und spricht dazu (Dezember 1776) beherzigenenzwerthe Worte, die auch den literarischen Parteigängern unsrer Zeit gelten dürften: „Ferne bleibe der (Teufel des Partheygeistes) auf ewig von uns, mein Freund! Wir wollen alles Schöne, Gute, Große empfinden, anerkennen, laut preisen, wenn’s Gelegenheit gibt, und wäre der Teufel davon der Urheber.“ Wiederholt wird Bürger von Wieland nach Weimar eingeladen. Noch weniger als an Bürgers Person erlischt das Interesse an der Homerübersetzung, zu deren endlicher Vollendung Wielands Teutscher Merkur noch im Herbst 81 mahnte. Horaz ist das Vehikel, das den Verkehr mit Weimar vermittelt. Man war hüben und drüben darin einig, auf der Grundlage der großen, griechischen Volksdichtung weiterzubaun, trotz dem Widerspruch „einiger süßer empfindsamer Herrchen, denen Homer zu grausam und wild ist.“
Persönlich nicht so nahe wie zu Wieland, aber weit inniger in der Sache stand Bürger zu Herder, der auch für ihn der große Anreger und Lichtspender wurde. Als 1773 die Fliegenden Blätter von deutscher Art und Kunst erschienen waren, jauchzt Bürger auf: „O Boie, Boie, welche Wonne! als ich fand, daß ein Mann wie Herder, eben das von der Lyric des Volks und mithin der Natur deutlicher und bestimmter lehrte, was ich dunkel davon schon längst gedacht und empfunden hatte. Ich denke, Lenore soll Herders Lehre einiger Maßen entsprechen“. Nicht nur Lenore entsprach dieser Lehre, sondern auch die schwüle, von der neuern „Bürgerphilologie“ nicht genug gewürdigte Ballade „Lenardo und Blandine“. Von Bürger erwartete Herder „einen deutschen Helden-und Thatengesang“ im Stile der alten Volksgesänge. Er fügt hinzu: „Seine Romanzen, Lieder, selbst sein verdeutschter Homer ist voll dieser Akzente“. Herders Beispiel veranlaßte Bürger, sich mit der Poesie auch theoretisch zu beschäftigen. Was er in Briefen an die Freunde und in dem agitatorischen Aufsatz „Aus Daniel Wunderlichs Buche“ ästhetisch erörtert, ist voll der Herderischen Gedanken über den durch keinen Kunstdichter zu erreichenden Werth der Volkspoesie. Freilich hätte Herder nie so einschlagen können, wenn nicht Bürgers ganzes Naturell magnetisch dorthin verlangt hätte, wo der große Fühler der Volksseele das Ziel deutscher Poesie zeigte.
Persönlich nicht so nahe wie zu Wieland, aber weit inniger in der Sache stand Bürger zu Herder, der auch für ihn der große Anreger und Lichtspender wurde. Als 1773 die Fliegenden Blätter von deutscher Art und Kunst erschienen waren, jauchzt Bürger auf: „O Boie, Boie, welche Wonne! als ich fand, daß ein Mann wie Herder, eben das von der Lyric des Volks und mithin der Natur deutlicher und bestimmter lehrte, was ich dunkel davon schon längst gedacht und empfunden hatte. Ich denke, Lenore soll Herders Lehre einiger Maßen entsprechen“. Nicht nur Lenore entsprach dieser Lehre, sondern auch die schwüle, von der neuern „Bürgerphilologie“ nicht genug gewürdigte Ballade „Lenardo und Blandine“. Von Bürger erwartete Herder „einen deutschen Helden-und Thatengesang“ im Stile der alten Volksgesänge. Er fügt hinzu: „Seine Romanzen, Lieder, selbst sein verdeutschter Homer ist voll dieser Akzente“. Herders Beispiel veranlaßte Bürger, sich mit der Poesie auch theoretisch zu beschäftigen. Was er in Briefen an die Freunde und in dem agitatorischen Aufsatz „Aus Daniel Wunderlichs Buche“ ästhetisch erörtert, ist voll der Herderischen Gedanken über den durch keinen Kunstdichter zu erreichenden Werth der Volkspoesie. Freilich hätte Herder nie so einschlagen können, wenn nicht Bürgers ganzes Naturell magnetisch dorthin verlangt hätte, wo der große Fühler der Volksseele das Ziel deutscher Poesie zeigte.
Wir wollen dieses Ziel, über das der jüngere und wildere Poet gelegentlich gern hinausschoß, möglichst mit Bürgers eignen Worten bezeichnen. Für dieses Ziel fand Bürger eine ihm allein gehörige Bezeichnung. Sie heißt „Popularität“. Es ist ein Schlagwort, das wie jedes Schlagwort im Begriff theils zu weit, theils zu eng ist. Man möchte an die heutigen so viel mißbrauchten und so falsch verstandnen ästhetischen Schlagworte Realismus und Naturalismus denken, wenn Bürger seine Popularität mit „Anschaulichkeit und Leben“ übersetzt. Ebenso wie die moderne naturalistische Theorie, kam auch Bürgers „Popularität“ zu einer Kritik des für die Kunst scheinbar so unentbehrlichen Schönheitsbegriffes. Als er 1787 zu seinen Göttinger Vorlesungen einlud, schrieb er in das Programm: „Wenn irgend ein Ausdruck vieldeutig, irgend ein Begriff dunkel und schwankend ist, so sind es Wort und Begriff von Schönheit ... Weit besser wäre es daher, wenn man sich des Wortes Schönheit in der Theorie des Stils ganz enthielte und das Grundgesetz, das man unter ihrem Namen aufzufinden versucht hat, lieber das Gesetz der Vollkommenheit nennte.“ Denn „Vollkommenheit ist nichts andres als Uebereinstimmung der Mittel zum Zwecke“. Diese helle Aeußerung bezieht sich freilich auf den Stil der deutschen Sprache. Wie sehr sie auch Bürgers Meinung vom Stil der deutschen Dichtkunst trifft, beweisen frühere Bemerkungen. Das Siegel seiner Vollkommenheit, sagt er, ist die Popularität eines poetischen Werkes. Poesie ist Nachbildnerei. Alle Bildnerei ist in der Endwurzel Darstellung (nicht Nachahmung) des Urgegenstandes. Darstellung aber ist Spiegel und Spiegelbild. So kommt schon Bürger dazu, die Kunst als Wiedergabe des Natureindrucks zu fassen. Von der temporären Wirklichkeit, unter der so oft die Natur des modernen Naturalismus einseitig und engherzig verstanden wurde, hat sich allerdings kein Dichter weiter entfernt, als Bürger, der gerade über diesen Punkt mit Nicolai, dem Obmann der Berliner Aufklärung, hart an einander gerieth. Wenn sich heutige Realisten, durch den Kuß der Erde antäisch gestärkt, nicht mehr allein damit begnügen, das von ihnen selbsterlebte oder miterlebte Ilic et Nunc darzustellen, sondern wenn sie, wie es alle große Dichtung thut, auch stofflich in die Welt der Träume, der Phantasien, der Symbole, in das, was Goethe „die dritte Welt“ genannt hat, übergreifen, so werden sie von Freund und Feind des Treubruches am eignen Prinzip beschuldigt. Gegen Bürger konnte ein so kurzsichtiger Einwand nie erhoben werden. Denn Bürgers Welt hatte von jeher mehr als drei Dimensionen; seine stärkste Kraft setzte er stets darein, Uebersinnliches zur sinnlichen Anschauung zu bringen. Von seinem rationalistischen Nützlichkeitsstandpunkt hatte Herr Daniel Seuberlich-Nicolai mithin nicht unrecht, wenn er dem Herrn Daniel Wunderlich-Bürger vorwarf, durch die poetische Verwerthung von Hexen und Gespenstern würde der alte Köhler-und Aberglaube wieder ins Volk getragen werden. Wie man heute gegenüber den psychopathischen Wagnissen moderner Dramatiker um die Seelenruhe und Nervenpflege des Publikums besorgt wird, so fürchtete damals Nicolai für die mühsam eroberte Herrschaft der Vernunft. Und wie heute die poesielose Konsequenz jener Besorgniß vor allem einen Tragiker wie Shakespeare träfe, so trug Nicolai nicht das leiseste Bedenken, die von Bürger übersetzten Hexenszenen des Macbeth als vernunftwidrig und kulturfeindlich zu perhorresziren.
Wie man heute, wenn die Parteien zanken und die Schlagworte schwirren, unwillkürlich sich fragt, was wohl der eine oder andre still von fern ins Getümmel schauende Kenner der Höhen und Tiefen drüber denken mag, so lag damals im Hader, den die Seuberliche und Wunderliche über Wesen und Werth der Volkslieder hatten, die Frage am nächsten: was sagt Lessing? In der Erinnerung an gemeinsam ausgefochtne Kämpfe aus ferner Jugendzeit schien Nicolai ohne Weiteres auch in diesem Streitfall Lessings Gesinnungsgenossenschaft vorauszusetzen. Lessing soll ihm von Wolffenbüttel gegen den grünen Frevel neues Material schaffen. Wenn Daniel Wunderlich nach dem Beispiele Herders verlangt hatte, man solle die alten Volkslieder sammeln und historisch-kritisch herausgeben, so macht sich Daniel Seuberlich in seinem „kleynen feynen Almanach“ flugs daran, solche Volkslieder abzudrucken, um ad oculos zu demonstriren, was das für ein unvernünftiges und pöbelhaftes Zeug sei. Von der Zeit der Literaturbriefe her entsann Nicolai sich, daß Lessing eine für damals seltne Kenntnis solcher Volkslieder besaß; aber er schien mit zunehmendem Alter vergessen zu haben, wie eifrig gerade Lessing damals gegenüber der unsterbliche Gottschedlichkeit nicht nur für Shakespeares Hexen und Geistererscheinungen, sondern auch für die Lieder des Volkes eingetreten war. Lessing, der nun nicht mehr in ästhetischen, sondern in theologischen Händeln das Schwert schlug, äußerte sich in einem nothgedrungnen Anwortschreiben an Nicolai höchst kühl über den „kleynen feynen Almanach“, dessen wissenschaftlicher Werth ihm durch den Mangel an Quellennachweisen beeinträchtigt ward, und dessen satirische Absicht ihm gar nicht einleuchtete. Er weiß nicht, was er für Material schicken soll. Gute Volkslieder wären ja Wasser auf die Mühle der Gegner. Nachahmungen gelehrter alter Reimschmiede würden mit Recht nicht als Volkslieder anerkannt werden. Blieben also nur „Pöbellieder“ übrig, worunter Lessing ungefähr das versteht, was man heute mit dem Schunkelwalzer andeuten müßte; Lessing zieht sich mit der feinen Bemerkung aus der Affaire, der ganze Spaß komme doch wohl auf Vermengung des Pöbels und Volkes hinaus. Wer aber der Vermenger war, ob Wunderlich oder Seuberlich, konnte sich Nicolai selber deuten.
Wie man heute, wenn die Parteien zanken und die Schlagworte schwirren, unwillkürlich sich fragt, was wohl der eine oder andre still von fern ins Getümmel schauende Kenner der Höhen und Tiefen drüber denken mag, so lag damals im Hader, den die Seuberliche und Wunderliche über Wesen und Werth der Volkslieder hatten, die Frage am nächsten: was sagt Lessing? In der Erinnerung an gemeinsam ausgefochtne Kämpfe aus ferner Jugendzeit schien Nicolai ohne Weiteres auch in diesem Streitfall Lessings Gesinnungsgenossenschaft vorauszusetzen. Lessing soll ihm von Wolffenbüttel gegen den grünen Frevel neues Material schaffen. Wenn Daniel Wunderlich nach dem Beispiele Herders verlangt hatte, man solle die alten Volkslieder sammeln und historisch-kritisch herausgeben, so macht sich Daniel Seuberlich in seinem „kleynen feynen Almanach“ flugs daran, solche Volkslieder abzudrucken, um ad oculos zu demonstriren, was das für ein unvernünftiges und pöbelhaftes Zeug sei. Von der Zeit der Literaturbriefe her entsann Nicolai sich, daß Lessing eine für damals seltne Kenntnis solcher Volkslieder besaß; aber er schien mit zunehmendem Alter vergessen zu haben, wie eifrig gerade Lessing damals gegenüber der unsterbliche Gottschedlichkeit nicht nur für Shakespeares Hexen und Geistererscheinungen, sondern auch für die Lieder des Volkes eingetreten war. Lessing, der nun nicht mehr in ästhetischen, sondern in theologischen Händeln das Schwert schlug, äußerte sich in einem nothgedrungnen Anwortschreiben an Nicolai höchst kühl über den „kleynen feynen Almanach“, dessen wissenschaftlicher Werth ihm durch den Mangel an Quellennachweisen beeinträchtigt ward, und dessen satirische Absicht ihm gar nicht einleuchtete. Er weiß nicht, was er für Material schicken soll. Gute Volkslieder wären ja Wasser auf die Mühle der Gegner. Nachahmungen gelehrter alter Reimschmiede würden mit Recht nicht als Volkslieder anerkannt werden. Blieben also nur „Pöbellieder“ übrig, worunter Lessing ungefähr das versteht, was man heute mit dem Schunkelwalzer andeuten müßte; Lessing zieht sich mit der feinen Bemerkung aus der Affaire, der ganze Spaß komme doch wohl auf Vermengung des Pöbels und Volkes hinaus. Wer aber der Vermenger war, ob Wunderlich oder Seuberlich, konnte sich Nicolai selber deuten.
Wie scharf Lessing den Mißverstand Nicolais getroffen hat, geht daraus hervor, daß Bürger, der von jenem Privatbriefe an Nicolai nichts wissen konnte, gleichfalls die Worte Volk und Pöbel gegenüberstellte. Wie man auch heute Ludolf Waldmann mit Guy de Maupassant vermengt und in den Schaustellungen des Americantheaters Satiren auf eine literarische Strömung bejubelt, so ist gegen Bürger vielfach der Vorwurf erhoben worden, sein Instrument sei der Dudelsack und seine Balladen seien Gassenhauer. Das hat ihn nie geschreckt; immer wieder gab er die Losung aus: Volksmäßigkeit ist Güte.
Seine „Popularität“ stellte er unter zwei Gesichtspunkte. Der eine faßte den poetischen Stil, der andre die Wirkung nach außen hin auf. Er verlangte, daß ein echtes Gedicht von Jedermann aus dem Volke nachgefühlt werden müßte. Somit ging er auf Popularität in unsrem Sinne aus, und es ist kein Zweifel, daß er eben dadurch seine ästhetischen Zwecke erreichte. Je mehr er die dem Volk verständliche Sprache führte, desto mehr näherte sich seine Kunst dem Natureindruck. Dieses positive Bestreben hatte in damaliger Zeit gewiß dasselbe revolutionäre Aussehn, wie heute der Naturalismus. Es kam damit ein Feind ins Land der herkömmlichen Poesie. Und keiner fühlte sich so sehr wie Bürger im Gegensatz zu gewissen Tagesgrößen. Wenn er dichterische Potenzen wie Lesssing, Wieland und Klopstock über die Parteien erhob, so wetterte er gegen die niedern Herren desto feuriger los. Besonders der Glätter und Plätter Ramler hatte es ihm angethan: „Entweder will ich der poetischen Pedanterie ein Ende und neue Epoke machen, oder mitsamt meinem Ansehn zu Grunde gehen. Die alten übermütigen Starrnacken mus man par force beugen. In Berlin hält man, wie mir versichert worden ist, Ramlern für den einzigen teutschen Dichter, der Respect verdiente. Aber ich will dich dressiren, luftiges Halbmansgesindel!“ (Nov. 78. an Boje.) Der „klassischen Schulfuchserey“, wie er sie von Ramler vertreten meinte, stellt er seine Popularität entgegen; und mit der gehörigen Blindheit des Revolutionärs ruft er mitten aus seinem Enthusiasmus für Volkspoesie heraus (Aug. 75) Bojen zu: “Vor den klassischen Dichtarten fängt mir bald an zu ekeln.“ Eine neue Vierländer Idylle von Voß ist ihm lieber als das hochtrabendste Chorlied des Pindar, und sehr stolz ist er drauf, in dieser Abneigung gegen pindarische Unnatur den Göttinger Philologen Heyne für sich zu haben. Immer fester glaubt er seitdem an seine Göttin Popularität: „In der Poesie muß, troz aller Erhabenheit und Göttlichkeit, dennoch alles sinnlich, faßlich und anschaulich seyn; oder es ist keine Poesie für diese, sondern vielleicht für eine andere Welt, die aber — nirgends existiert. Glaube mirs! Glaube mirs! Es ist kein Gegenstand der Poesie, der nicht populär behandelt werden könnte. Dem Urquell, woraus alle Poesie entspringt, wohnen alle Menschenkinder so nahe, daß sie daraus trinken können. Warum leiten wir denn das Wasser, durch Pump-und Druckwerke auf hohe unersteigliche wolkenumschleyerte Felsen?“ (September 77 an Boje.)
Ueber gewisse unklare Vermengungen des Stofflichen und der künstlerischen Form, des Stils und der Wirkung aufs Publikum ist Bürger so wenig weggekommen, wie die meisten Anhänger und Gegner des heutigen Naturalismus. Aber vor einem schützte ihn sein dichterischer Genius; seine Prinzipien verführten ihn nie, die alte Größe zu verkennen. Wenn er mit Pindar allen klassischen Tand verwerfen möchte, so wächst dadurch um so stärker seine Bewunderung für den antiken Homer. Es gehört zu seinen höchsten Lebenswünschen, diesen „großen Volksdichter“ in der eignen Sprache dem eignen Volke so zu geben, daß es ihn empfinden könnte, wie ihn sein eignes Volk empfunden hat. Mit der Kraft Homers genährt, will er selber Homerisches schaffen. Während seine Göttinger Freunde Fritz Stolberg und Voß dem langsamen Arbeiter als hurtige Wettbewerber in den Weg traten, während Fritz Stolberg die Parole ausgab, Bürger würdige durch seine volksthümlichen Jamben den Homer herab, und Bürger furchtlos dagegen rief, vor dem Hinanwürdigen sei ihm immer viel bänger, als vor dem Herabwürdigen, erhielt er für dieses Unternehmen den mächtigsten Zuruf aus Weimar von Wieland, Herder und auch von dem „unbegreiflichen Zauberer“ Goethe.
Aber in seinem Verhältniß zu Goethe war Bürger nicht glücklicher als sonst. Auch hier erlebte er eine herbe Enttäuschung. Das Jahr 1773 war für beide die Zeit ihres Sonnenaufgangs. Damals erschien der Götz und, durch den Götz mächtig gefördert, die Lenore. Als Bürger den Götz las, wußte er sich vor Enthusiasmus nicht zu lassen. Für dieses eine Stück des „deutschen Shakespeare“ will er alle Werke Voltaires und des „leimenen Götzen“ Corneille verkaufen. Er schildert seinem Boje, welche Erschütterung er im innersten Mark gefühlt habe: „Mitleid! Schrecken! — Grausen, kaltes Grausen, wie wenn einem kalter Nordwind anweht!“ Diese Lust am Furchtbaren kennzeichnet den werdenden Balladendichter. Höhnisch tritt er dem schöngeistigen „Rezensentengeschmeiß“, dem „Lesepöbel“ entgegen, der schon bei der Orsina die Nase rümpfte und beim Götz erst recht den Rüssel verziehen werde. Vor allem bewundert er den edlen und freien Mann, der den „elenden Regelnkodex“ unter die Füße tritt, und „der der Natur gehorsamer als der tyrannischen Kunst war“. Wer dieser Mann ist, wußte Bürger damals noch nicht. Bald aber weiß er es, und auch dem andren wird es kund, wie sehr man ihn bewundert. Goethe ist es, der zuerst „die papierne Scheidewand“ zwischen ihnen einschlägt: „Unsre Stimmen sind sich oft begegnet und unsre Herzen auch. Ist nicht das Leben kurz und öde genug? Sollen die sich nicht anfassen, deren Weg mit einander geht?“ Zwischen Frankfurt und Altengleichen wird nicht oft und nicht ihn ausführlichen Briefen verkehrt, aber die kurzen, spärlichen Zettelchen quillen über von gegenseitiger Zuneigung. Ganz von ungefähr, ohne Abrede und Formalität stellt sich das bruderherzliche Du ein. Beide Dichter sind noch nicht 30 Jahr alt und stehn in Herzensnöthen: Goethe bei Lili, Bürger bei Molly. Auch in dieser Stimmung empfinden sie sich. Von der Zärtlichkeit, die in ihnen quillt, fluthet etwas an die gleichgesinnte Freundesbrust. „Süßer Junge!“ klingt es vom Main herüber, und „lieber, blühender, lebendiger, rüstiger Junge!“ hallt es vom Harze wider. Goethe ist der Einzige, dem Bürger sein wahres, eigentliches Ich entfalten könnte. Wenn Bürger klagt, so tröstet Goethe: „Freu dich der Natur, Homers und deiner Teutschheit“. Wenn Bürger halb ironisch mit seinen Leistungen renommirt, so zügelt Goethe: „Ich hab a l l e r l e y geschrieben, das dir eine gute Stunde machen soll — sind aber doch allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den wir vor unserer Mutter Natur haben sollten.“ Zu diesem „Allerley“ gehört auch die „Stella“, das Schauspiel für Liebende, in dessen melancholischen Sternen der Gatte Dorettens, der Geliebte Mollys sein eignes Eheschicksal hätte lesen können. Die tief bewegende Dichtung sollte ihm nach Goethes Wunsch Liebes-und Lebenswärme in den Schneee bringen; sie zeigte ihm nur den eignen Zwiespalt.
Im stillen Wunsch, mit dabei zu sein, begrüßt Bürger Goethes Eintritt in Weimar. Jedoch bald seufzt er: „Wär er doch noch der alte Doktor Wolfgang Göthe zu Frankfurth am Mayn!“ Unter die Briefe des jungen Geheimraths an Frau von Stein schleicht sich immer seltner und kühler ein Zettelchen an Bürger ein. So lautlos, wie es gekommen war, verschwindet wieder das Du der Anrede, und eine nach Bürgers Art vertrödelte Geldangelegenheit, die Subskription auf den säumigen Homer betreffend, stimmte den korrekten Weimaraner nicht freundlicher. Als im Frühjahr 81 der Herzog Karl August nach Göttingen kam und den Dichter berühmtester Balladen ganz besonders auszeichnete, schwollen Bürgers Hoffnungen, in Weimar oder Jena einen Platz zu finden, wieder mächtig an. Wer diese Hoffnungen mit grausamer Würde bis aufs letzte zerstörte, war kein andrer als Goethe. Die peinlichen Erfahrungen, die der Hof-und Staatsmann mit seinem Straßburger Jugendgenossen Lenz auf dem Hofparkett gemacht hatte, ließen ihn gegen gestiefelte Genies doppelt vorsichtig sein. So waren seit jenem Götz-und Lenoren-Frühling sechzehn Jahre vergangen; endlich wurde Bürgers Wunsch erfüllt, den Boden Weimars wenigstens besuchsweise zu betreten. Zum ersten Mal fand er nun auch Gelegenheit, seinem Herzbruder von ehedem die Hand zu schütteln. Wenn sich diese beiden großen, offnen Augenpaare im dichterischen Feuer trafen, wieviel des Eises konnte da schmelzen! In diesem Wahne schlug Bürger an Goethes Thür. Der Dichter des Götz hatte für den Dichter der Lenore nur wenige Minuten Zeit. Das Einzige, was sie gemeinsam zu interessiren schien, war die Frequenz auf der Göttinger Universität. Ueber seinem weiten, großen, freien Menschenherzen knöpfte Herr von Goethe die feierliche Weste zu, und der arme Bürger stand betroffen da. Der also in Gnaden Entlassene verewigte diese Visite in einem Epigramm, aus dessen steifem Spott man die enge Schnur ums Herze spürt. Ein Menschenalter später, als Bürger längst gestorben war und die jüngste Dichtergeneration, allen voran Heine mit wenigen großartig würdigenden Worten, sein Gedächtniß aufmunterte, wird Goethe von Eckermann über Bürger befragt. „Bürger,“ erwidert er, „hatte zu mir wohl eine Verwandtschaft als Talent, allein der Baum seiner sittlichen Kultur wurzelte in einem ganz andern Boden und hatte eine ganz andere Richtung.“ Wenn Bürger in jenem Epigramm klagt, er habe vor dem „Alltagsstück Minister“ seinen „trauten Künstler“ nicht zu sehn bekommen, so erging es Goethe mit Bürger nicht anders. Auch er verlor den Dichter in der Privatperson, die ihm nicht mehr geheuer war, und deren roheres Gepräge er auch aus Gedichten merkt, wie dem von Frau Schnips, die an der Himmelspforte keift. Daß dieser Eindruck bei Goethe blieb und noch in späten Eckermanntagen entschied, ist jedoch auf den Einfluß eines Andern zurückzuführen.
Sehr viel liebenswürdiger als Goethe, kam damals in Weimar dem etwas hanebüchnen Professor aus Göttingen sein Jenenser Kollege Schiller entgegen. Er nennt ihn einen graden ehrlichen Kerl, mit dem sich allenfalls leben ließe. Freilich fügt er gleich hinzu: „Sein Aeußeres ist plan und fast gemein: d i e s e r Charakter seiner Schriften ist in seinem Wesen aufgegeben.“ Schiller war zwölf Jahre jünger als Bürger. Etwas volksthümlicheres, im Bürgerschen Sinne populäreres als der Musikus war für die deutsche Bühne noch nicht geschrieben worden. Der Höflingsübermuth gegen Luise Millerin paßte gut zu dem Junkerübermuth gegen das Taubenhainer Rosettchen. Auch sonst hätten gemeinsame Interessen die Beiden verbünden können. Als der Göttinger Kantprophet nach Weimar kam, hatte sich Schiller soeben in sein fördersames Kantstudium vertieft. Aber gerade diese metaphysischen Bemühungen führten ihn zu einer ästhetischen Anschauung, die seinen eignen Jugendwerken so wenig entsprach wie der Poesie Bürgers. Ein Jahr nachdem die Beiden in Weimar zusammen gewesen waren, erschien anonym in der Jenaer Literaturzeitung Schillers berühmte Rezension der Bürgerschen Gedichte.
Die nächste Aufgabe aller Kritik ist es, zu prüfen, wie weit in der künstlerischen Leistung das vorgenommene Ziel des Künstlers erreicht wird. Diese erste Pflicht des Kritikers, die Kraft am Willen zu messen, hat Schiller Bürger gegenüber nur theilweise erfüllt. Sehr richtig und gerecht geht er von dem aus, was Bürger wollte: vom Popularitätsbegriff. Wie Bürger, erkennt auch Schiller als das höchste Ziel des Dichters, Allen zu gefallen, der Volksmenge und dem Kenner. Aber was Gedichte für die Volksmenge an Interesse gewännen, dürfen sie für den Kenner nicht verlieren. Der Dichter dürfe nicht zum Geschmack der Menge herabsteigen, sondern er müsse als der aufgeklärte verfeinerte Wortführer der Volksgefühle, als ein sittlich ausgebildeter, vorurtheilsfreier Kopf die Masse zur reinsten herrlichsten Menschheit hinaufläutern. Maßstab des Publikums sei der gebildete Mann. Nur der sei ein Dichter, der mit reinen und gebildeten Händen den reinen, vollendeten Abdruck der interessanten Gemüthslage eines interessanten vollendeten Geistes zu geben vermag. Der Popularität dürfe nichts von der höheren Schönheit aufgeopfert werden. Unwillkürlich weicht der Kritiker vom Bürgerschen Popularitätsbegriff zum Schillerschen Schönheitsideal aus; die beiden großen künstlerischen Pole, Idealismus und Naturalismus, stehn hier einander schroffer gegenüber, als je vorher oder nachher. Weil sich Bürger das Schönheitsideal Schillers nicht zum Ziele setzte, darum genügt er ihm nicht. Der unbefangene Kritiker überläßt mitten in der Erörterung dem parteiischen Mitpoeten das Wort. Schiller selbst rang sich von seinen kraftgenialen Anfängen durch philosophische und geschichtliche Studien zu einem neuen dichterischen Ziele hin. Um sich mit seiner eignen Vergangenheit ab-und in das Neue hineinzufinden, brauchte er für den inneren Feind, den er in sich selbst vernichtete, ein äußerlich sichbares und gegenstänliches Zeichen. Dies fand er an Bürgers Gedichten. Seine Rezension ist der endgiltige [!] Abfall des Kabale und Liebe-Dichters vom radikalen Realismus. Mit der Begeisterung und Leidenschaftlichkeit des Renegaten flog er dem neuen Kunstziel entgegen und entfernte sich dadurch von Bürger so weit, daß er für die Art und Kunst dieses wesentlich Andern, der sich selbst treu geblieben war, allen gerechten Maßstab verlor. Hierin liegt die naive Grausamkeit seiner namenlosen Rezension, und für die Urtheilsfreiheit späterer Aesthetiker und Literaturhistoriker ist es ein schlechter Beweis, daß Schillers subjektives Verdikt ein volles Jahrhundert lang den Geschmack an Bürger regelte, ohne daß irgend einer der schöngeistigen Nachtreter jenen psychologischen Prozeß, den Schiller durchmachte, an sich selbst erfahren hätte. Weil Schiller und mit ihm auch Goethe für den derben parodistisch-satirischen Humor der Frau Schnips, der Göttermenagerie, der Europa-Jupiter-Ballade das Gefühl verloren hatten, schütteln über diese urwüchsigen Späße noch heute Zeitgenossen den Kopf, denen freilich auch bei Offenbachs köstlichem „Orpheus“ pharisäische Mißbilligung bequem ist. Aber Schillers Richtschwert blieb nicht in den Travestien stecken. Es schlug auch auf die Mollylieder ein. Schiller verfaßte die Rezension in einer Zeit, wo seine Neigung zu Lotte Lengefeld stark und edel aufblühte, ohne daß er fähig gewesen wäre, seinen reinen und tiefen Herzensempfindungen irgend einen liebeslyrischen Ausdruck zu geben. Er schrieb über dieses zarte Verhältniß recht schöne Briefe an seine Schwestern, aber der Muse flüsterte er nicht das geheimste Wörtchen ins Ohr. Wenn über Gebühr oft die hagre Formel nachgebetet wurde, Goethe sei zwar ein Lyriker, aber kein Dramatiker gewesen, so hätten unsre ästhetischen Schulmeister viel eher verkünden dürfen, Schiller sei zwar ein Dramatiker , aber kein Lyriker gewesen. Es ist wohl nicht nöthig, daß ein geborner Lyriker lyrische Gedichte drucken läßt. In vielen Gemüthern lebt eine stumme Lyrik. Daß in Schiller auch diese Art von Lyrik nicht waltete, beweist sein mangelhaftes Verständnis für die Mollylieder, deren schönstes „An die Menschengesichter“ er mit der „Frau Schnips“ und mit „Fortunas Pranger“ verächtlich zusammenwirft. Nur ein Unlyriker konnte es tadeln, daß diese Mollylieder nicht blos Gemälde, sondern auch Geburten einer eigenthümlichen Seelenlage sind. Wenn Schiller den lyrischen Dichter davor warnt, mitten im Schmerze den Schmerz zu singen, und dabei auf den Schauspieler exemplifizirt, der durchaus nicht das, was er darzustellen habe, selber empfinden dürfe, so berührt er eines der ungelöstesten Kunstprobleme, dessen Lösung im Schillerscher Sinn die Weimarische Theaterschule allerdings voraussetzte, das aber noch heute höchst fragwürdig dasteht. Wenn Schiller die bei Bürger so beliebten onomatopoetischen Naturlaute, wie Klinglingling und Hopphopphopp für kindisch erklärt, so wäre ihm dienlich gewesen, einen nicht in Weimar gebildeten Sprecher zu hören, der im „wilden Jäger“ oder in der „Lenore“ diese Naturlaute zur gewaltigsten Wirkung brächte. Wenn Schiller von einem Lyriker verlangt, daß er das Individuelle und Lokale zum Allgemeinen erhebe, so verschließt er sich dadurch dem herzbewegenden Einblick in ein bewegtes Menschenherz. Und wenn er Sätze aufstellt wie diese: „Eine nothwendige Operation des Dichters ist Idealisirung seines Gegenstandes, ohne welche er aufhört, seinen Namen zu verdienen;“ oder „Der Dichter muß sich von der Gegenwart loswickeln und frei und kühn in die Welt der Ideale emporschweben“, so läßt sichs begreifen, daß unter dem entscheidenden Einfluß, den Schillers Rezension über Bürger auf die Fortentwicklung deutscher Dichtkunst gewonnen hat, unsrer ästhetischen Schulweisheit die Naturkraft des niedersächsischen Bauernenkels widerstand. Bürger, den der stark persönliche Angriff des Ungenannten in trübsten Lebensverhältnissen traf, raffte sich zu einigen schwächlichen Repliken auf und wurde an sich selbst so irre, daß er anfing, in seinen Gedichten nach Schillerschen Rezepten herumzukuriren. Aber einen starken Moment hatte er in diesem Kampfe doch: als er sein Spottgedicht „Der Vogel Urselbst“ schrieb, das, obwohl oder weil es gegen Schiller gerichtet ist, noch niemals nach Gebühr gewürdigt wurde. Es ist eine der glücklichsten literarischen Revanchen, die wir besitzen, und zeigt den niedergetretnen Dichter noch einmal aufrecht dastehn in der ganzen Vollendung seiner poetischen Formen und seines selbständigen Geschmacksbewußtseins.
Man entdeckte erst aus Bürgers Briefwechsel unter Staunen, welch feiner Formensinn diese Naturkraft ihrem Ziele zulenkte, mittels welch weiser, modelnder Kunst hier die gewollten Natureindrücke hervorgerufen wurden, was dieser sprachmächtige Naturalist für ein vorbedachter Meister seines Stils war. Aber sein eignes künstlerisches Ideal hat Meister Bürger doch nicht erreicht. Wenn bei Schiller das Dramatische, bei Gothe das Lyrische überwog, so lag in Bürger ein bestimmt erkennbarer Geniezug, der ihn aus dem Lyrischen heraus dem Dramatischen entgegentrieb. Wie Baumalleen zu einem verschlossenen Parke führen, so sind auf Bürgers nie vollendetem Wege zum Drama die großen, hochwipfligen und reichbelaubten Balladen aufgepflanzt, von denen Gervinus mit Recht sagt, daß sie die Anfänge der dramatischen Kunst in sich schließen.
Gegen Ende des großen Jahres 1773, des Emilia Galotti-Götz-Lenoren-Jahres, erzählt Bürger seinem Boje, er brüte an einer bürgerlichen Tragödie; die frei erfundene Disposition sei fertig, einige Szenen, wobei dem armen Boje die Haare zu Berge stehn sollen, seien schon ausgearbeitet. Auch Bürgers damaliges „Hauskreuz“ (die geisteskranke Hofräthin Listn) solle in diesem mitten aus dem bürgerlichen Leben herausgenommenen Sujet ein Plätzchen finden: „Gott lasse mir dies Werk vollbringen, wie ichs mir vorstelle, so will ich gern allem übrigen entsagen.“ Dem Popularitätsprinzip gemäß sollte das Glück in der hölzernen Bude bei der Dorfschenke genau dieselbe Wirkung thun, wie im Hoftheater. Man glaubt einen „stammelnden“ und „lallenden“ Naturalisten der heutigen Bühne zu hören, man glaubt die vielbescholtnen Pausenpunkte und Gedankenstriche neuerer Dramen zu sehn, wenn der Shakespearomane Bürger fortfährt: „Sprache wird das wenigste, das meiste wird Handlung sein. In ganzen Szenen soll nicht ein Wort gesprochen werden, und doch sollt ihr Erdensöhne vor der Bühne sprachlos niedertaumeln.“
Zwei Jahre später, vier Jahre bevor Schillers Plutarch lesender Karl Moor in die verblüffte Welt trat, bittet sich Bürger von Boje den Plutarch aus, weil er etwas Dramatisches versuchen wolle. Er habe ein interessantes und kitzliches Sujet auf dem Korn, das sich sehr für den gegenwärtigen Ton der Freiheit schicken werde. Diesen Ton der Freiheit, der ihn anfeuerte, hatte er in den Dramen der Stürmer und Dränger gefunden, die auch mit ihren Stoffen Bürger zuvor kamen. Lenzens „Soldaten“ und vor allem Wagners „Kindermörderin“ (das Motiv der Pfarrerstochter von Taubenhain) sind dramatische Sujets, die auch Bürger lang im Busen herumgetragen hatte, ohne daß etwas geboren wurde. Während er, seiner „mikrologischen Poesie“ satt, mit der Schwierigkeit der dramatischen Form quallvoll ringt, empören ihn die mittelmäßigen Köpfe, die gerade zuerst auf das Schauspiel fallen. Im Gegensatz zu diesen Kulissenarbeitern, die damals so wie heute handwerkten, fehlt ihm jede praktische Bühnenerfahrung. Als blutjunger Student war er etwa sechsmal im Theater gewesen. Seitdem nie wieder. Schmerzlich sehnte er sich aus seinem isolirten Winkel hinaus auf den vollen Markt des Lebens: „Was wollte ich nicht drum geben, wenn ich nur einmal in meinem Leben so glücklich würde, in einer Stadt zu leben, wo nur unterweilen Schauspieler wären. Das würde vielleicht den dramatischen Samen, wenn welcher in mir liegt, befruchten.“
Boje kommt ihm auch hierin hilfreich entgegen. In Hannover gastirt die berühmte Schröder-Ackermannsche Gesellschaft und Bürger wird dazu eingeladen. Diesmal kommt die Reise wirklich zu Stande. Bürger schließt Freundschaft mit dem großen Schröder, mit seiner Stiefschwester Dorothea Ackermann, vor Allen mit dem ersten deutschen Hamletdarsteller, Brockmann. Im Mittelpunkt der gemeinsamen Interessen steht Shakespeare. Schon vorher war zwischen den Schauspielern und Bürger wegen der Macbethübersetzung verhandelt worden, und Bürger hatte geschrieben: „Wenn mich jemals verlangt hat, ein Schaupiel vorgestellt zu sehen, so ist es von jeher, seit ich ihn kenne, Shakespears Macbeth gewesen. Ach! Und König Lear! König Lear! Wär es denn nicht möglich, daß Schröder auch den auf die Bühne brächte? ... Wenn ich mich noch einmal in dramatischen Werken versuchen sollte, so wäre wohl das erste die Bearbeitung eines Shakespearschen Stücks.“ Der Dramatiker bescheidet sich hiermit zum Dramaturgen; von ferne winkt auch diesem eine trügerische Hoffnung.
1778 tauchte in Hannover unter dem Hofadel der Plan auf, eine Musterbühne zu errichten. Man verhandelte mit Brockmann, Reinecke und andern hervorragenden Schauspielern. Man sucht auch einen literarischen Leiter. Boje schlägt für diesen Posten Bürger vor. Mit richtigem Takt wittert Bürger sofort den Krebsschaden des höfischen Theaterdilettantismus; wie jeder berufne Dramaturg, der auf sich und seine Kunst etwas giebt, stellt er die Forderung: „Wenn ich der Ehrenmann wäre, so würde ich mir strenne [!] ausbedingen, daß man in meiner angewiesenen Funktion mich unumschränkt ohne Einrede nach meinen Einsichten und Geschmack schalten ließe. Wäre das nicht, und ich müste mich nach Dumköpfen geniren, so dankte ich lieber gleich vor die ganze Herrlichkeit.“ Der Plan scheiterte völlig, und zwei Elemente, die für einander bestimmt gewesen wären, Bühne und Bürger, blieben sich auf immer fremd.
„Wer weiß wo jetzt ein Küchlein noch im Neste gebrütet wird, das in zwey, drey Jahren uns alle überfligt“, hatte Bürger 1778 geweissagt. Nach drei Jahren kam aus dem für Bürger auch sonst so verhängnisvollen Schwabenlande das Küchlein geflogen. Es war auch ein wilder, schöner Waldvogel und brachte „Die Räuber“. Nicht Bürger, sondern Schiller gewann die Bühne und führte sie nach seinem Sinn empor. Auch als Uebersetzer drang Schiller in die eigentliche Domäne Bürgers ein, auf das Shakespearegebiet, das Macbethgebiet. Ein Vergleich der beiden Bearbeitungen ist überaus lehrreich für den ganzen großen Unterschied der beiden Dichter. Er öffnet weite Perspektiven auf das, was die deutsche Bühnendichtung unter Schillers Einfluß geworden ist, was unter Bürgers Einfluß aus ihr hätte werden können.
Bei Bürger Wucht, bei Schiller Glanz; bei Bürger Naturlaute, bei Schiller fließende Rede; bei Bürger charakteristischer Ausdruck, bei Schiller schöner Stil; bei Bürger stählerne Prosa, bei Schiller silberne Verse; bei Bürger Individuen, bei Schiller Typen; bei Bürger Kerle und Weiber, bei Schiller Herren und, selbst im Hexenbrodem, Damen; bei Bürger Brachfeld, aus dem der Duft der Erde steigt, bei Schiller geeggtes Land, auf dem die Himmelssonne scheint; bei Bürger Shakespeare, bei Schiller Schiller. Bürgers Beispiel wirkte auf seinen Lieblingsschüler A. W. Schlegel, mit dem er noch in letzter Lebenszeit am „Sommernachtstraum“ arbeitete, und dem er so den Grund zur klassischen, aber höchst unschillerischen Shakespeareübersetzung legte. Aber Bürgers eigne dramatische Kraft blieb unbenutzt, Schiller hingegen dichtete im Stil seiner Macbethübersetzung alle späteren Trauerspiele und eroberte sich damit die Nation. Seit hundert Jahren ist er der Herr im Hause deutscher Dichtung. Von seinem Pol aus hat er die poetische Welt gelenkt. Aber diese Welt bleibt nicht im Gleichgewicht, wenn der Herrschersitz nicht bisweilen wechselt. Und wohin unsre junge Zukunftskunst mit allen ihren Kräften auch streben und steuern mag, irgendwo wird ihr der Geist Bürgers erscheinen. Auch ihm gilt ein Spruch der Schiksalsschwestern seines Macbeth: es war ihm nicht wie diesem beschieden, durch eigne Gewalt ein König zu werden; aber wie der wackre Kriegsgefährte Banquo, der kläglich endete, kann er Könige zeugen.