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Parodien - Münchhausen - bürger_mobil

Münchhausen

Parodien zu Bürgers Münchhausen sind extrem selten. Da spielen zwei Aspekte eine Rolle:

1.
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts gehört es nicht zum Allgemeinwissen von Journalisten, dass Bürger der Autor (neben Rudolf Erich Raspe) des Münchhausen ist, die Geschichten mit dem Kanonenritt und der Rettung aus dem Sumpf durch Herausziehen am Schopf allein Bürger gehören. Noch 1942 schreibt Curt Kersting im Hamburger Fremdenblatt einen Beitrag über Bodenwerder "In Münchhausens Stadt". Bürger wird nicht erwähnt. Auch in den vielen Artikeln zum Münchhausen-Film in der Presse wird Bürger nicht erwähnt, dabei gab es ausreichend Information, so im Der Grafschafter vom 29.12.1942 (gleicher Beitrag im Solinger Tageblatt vom 3.1.1943.

2.
Die Beschäftigung mit Bürgers Münchhausen beschränkt sich fast regelmäßig auf reines Zitieren, ohne auf den Hintergrund oder den Autor hinzuweisen. Es gibt mehrere hundert solcher Zitate, fast ausschließlich in politischem oder juristischem Kontext.

Im Falle Münchhausen hat sich eine merkwürdige Forderung von Julius Tittman in seiner Bürger-Gedichtausgabe von 1869 auf Seite LII erfüllt: "Den Vorwurf Schiller´s, daß in Bürger´s lyrischen Gedichten die von ihren Schlacken nicht befreite Individualität des Verfassers hervortrete, haben wir noch zu erweitern: die volksthümliche Dichtung soll das subjektive Wesen überall nicht verrathen, der Dichter eines ´Volksliedes´ tritt so sehr zurück, daß nicht einmal sein Name aufbewahrt bleibt."


Aus der Vielzahl solcher Zitate seien folgende ausgewählt:

Der Hochwächter 08.02.1831
Daß der Despotismus sich aus eigener Kraft zur gesetzmäßigen Freiheit sollte umbilden k ö n n e n und w o l l e n, ist eben so unwahrscheinlich als das Geschichtchen in Münchhausens Reisen, da ein Reiter sich, nebst seinem Pferde zwischen den Füßen, am eigenen Haarzopf aus dem Sumpfe gezogen haben solle. Preßfreiheit und Stände sind die Hebel, deren man hierzu bedarf.


Fränkischer Kurier 21.11.1850
Vertheidigungs-Rede des Dr. jur. Hermann Becker.
Und diesen konstitutionellen Tausendkünstlern, die jetzt sehen mögen, wie sie sich an ihrem eigenen Zopfe aus dem Sumpfe ziehen, ihre Misere vorhalten, – das nennt die Anklage Aufforderung zum Umsturz der Verfassung! – Wen sollte ich denn aufgefordert haben?


Der Beobachter : ein Volksblatt aus Schwaben 02.04.1865
Württemberg. Kammergericht.
Nichts für ungut, aber da oben macht diese ganze Debatte den Eindruck, als wolle sich die Kammer wie der selige Münchhausen an ihrem eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen, in den sie sich festgefahren.


Vorwärts 03.08.1901
Wenn das Ausland den Zoll trägt, wenn es einfach die Ware um so viel billiger liefert, als der Zoll ausmacht, wie kann dann der Zoll die Preise steigern. Die Sache erinnert an Münchhausen, der sich an seinem eignen Zopf aus dem Sumpf zieht.


General-Anzeiger 17.05.1950
Es geht letzten Endes nicht um Frankreich oder Deutschland, sondern darum, daß Europa Sieger bleibe. Der erste studentische Gegenredner erwiderte, der Europarat versuche gegenwärtig, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf herauszuziehen. Es sei entscheidend, welchen Nutzen die Bundesrepublik aus einem sofortigen Beitritt ziehen könne.


Eine sicher unfreiwillige, aber entlarvende Parodie konnte doch gefunden werden. Nach der verheerenden Niederlage in Stalingrad schreibt der Gießener Anzeiger für Oberhessen 04.02.1943 unter der Überschrift

"Bei uns ist der Wille."

Bei uns ist der Wille, bei uns ist die Kraft! Wichtigkeiten gibt es nicht mehr. Das Einzige, was nottut, ist Selbstvertrauen,
Mut, Zuversicht im Herzen. Das Märchen des Barons von Münchhausen haben die Deutschen wahrgemacht. Sie haben sich an ihrem eigenen Zopf aus dem Sumpf der Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit nach 1918 herausgezogen. Die Welt hat mit Bewunderung dieses Schauspiel gesehen. Wir dementieren uns nicht selbst. Wir gehen aufs Ganze, wir wollen siegen! Wir werden siegen! Der Sieg ist mit dem, der an sich glaubt. Es sind u n s e r e Heere, die im Feindesland stehen!


Dresdner Nachrichten 27.10.1900

Welcher verstand's am besten?
Ein englischer Major, welcher den Krimkrieg mitgemacht und dann längere Zeit im Innern Rußlands sich aufgehalten hatte, war im Aufschneiden ein echter Geistesverwandter des bekannten Herrn von Münchhausen. Er erzählte verwunderliche, ungeheuerliche Geschichten, bei denen aber das wunderbarste gewesen wäre, wenn sie Jemand für wahr gehalten hätte. Eines Tages saß er nach Tisch bei einer Zigarre wieder gemüthlich an der Tafel, an der noch viele Herren saßen, und erzählte, daß im Kreml in Moskau eine Kanone liege, deren Rohr so weit sei, daß eines Tages, als es furchtbar geregnet und er mit einem Omnibus dahergekommen, der Kutscher im rasendsten Galopp in die Mündung der Kanone hineingefahren sei, um sich selbst, seine Pferde und seinen Wagen nebst den Insassen desselben vor den Strömen des Regens zu schützen. Ein Herr lächelte über diese Aufschneiderei. Der Major sah es und rief: „Wie, mein Herr, Sie zweifeln an der Wahrheit der Thatsache, welche ich eben erzählte?" „Fällt mir nicht ein," sagte der Herr lachend, „und zwar umso weniger, als ich selbst dabei war. Sie, Herr Major, konnten das natürlich in dem vollen Omnibus nicht sehen. Ich war nämlich kurz vor Ihnen in die Kanone aus demselben Grunde
hineingefahren, sah Ihr brausendes Viergespann daherrasen und fürchtete mit Grund in der Dunkelheit des Kanonenlaufes einen unheilbringende» Zusammenstoß mit meinem Kabriolet. „Rasch rechts in's Zündloch!" rief ich daher dem Kutscher zu. der gewandt, wie alle russischen Kutscher sind, umbog und rechtzeitig im Zündloch eine sichere Stätte fand. Als der Regen aufhörte, fuhren wir prächtig heraus. Ich möchte aber nur wissen, wie Ihr Omnibus herauskam?" „Natürlich auf demselben Wege, wie Ihr Kabriolet!"


Rheinische Volksstimme 12.09.1901

Vom Kartoffelreichtum des „Westerwaldes" erzählt uns ein Reisender, ein Nachkomme des allbekannten Frhrn. von Münchhausen, folgende „Thatsache: “Ein Tagelöhner in der Nähe des Ortes H. hatte nicht weit von seinem Häuschen auf einer Anhöhe einen Kartoffelacker. Dieser Tage nun ging die Frau des Mannes dorthin, um Kartoffeln zu holen. Ein ausnahmsweise schöner Strauch veranlaßte die Frau denselben auszunehmen, aber o weh, mit dem Karste konnte sie nicht zurecht kommen, so groß war die Kartoffel und mehr Boden sie wegschaarte, um so größer wurde der Umfang der Knolle. Sie ging deshalb nach Hause und rief ihren Mann. Auch dieser kam und konnte nichts ausrichten. Er ging deshalb in den Ort zurück und borgte sich eine Heflade oder (Winde) und mit diesem Instrumente wurde endlich die Knolle dem Erdboden entrissen. Aber nun kommt das Schreckliche, die Knolle kam ins Rollen, sauste den Abhang hinab, zertrümmerte ein Wandgefach in dem Häuschen des Tagelöhners und blieb endlich vor dem Küchenherd liegen. Wie nun aber das Ungetüm zerkleinern; kurz entschlossen nahm der Mann eine Trummsäge und mit Hülfe seiner Frau verteilen sie die Kartoffel. Als die Prozedur beendet und die Stücke beseitigt waren, machte die Frau das Sägemehl zusammen und was meinen Sie? noch acht Tage lang hat die Frau Pfannkuchen und Krieppel davon gebacken. So geschehen im Jahre des Heils 1901.


Der Zeitungs-Bote 17.02.1902

Siegen, 12. Febr. Eine lustige Geschichte hat sich laut S. Volksbl. in Eiserfeld zugetragen. Bekommt da ein Bergmann von seiner Frau den Auftrag, von einem bestimmten Orte einen Sack zu nehmen und diesen in der Mühle mit Mehl füllen zu lassen. Entsprechend dem Auftrage der Ehegattin begibt sich der Mann an den genannten Ort, nimmt einen sackähnlichen Gegenstand unter den Arm und geht stracks zur Mühle. Als der Müllerbursche sich anschickt, den vermeintlichen Sack zu füllen, begab sich mit dem Sacke dasselbe, was sich schon mit des sel. Baron von Münchhausen's Pferd, dem der hintere Teil des Körpers von einer Kanone weggerissen war, ereignete, es trank und trank, wurde aber nicht satt, da das Wasser wieder aus dem Leibe herausfloß. Der Sack wurde und wurde nicht voll — nämlich der Sack war kein Sack, sondern das in der Eile und in der Dunkelheit ergriffene Hemd der Ehegattin, das gewaschen und geflickt neben Säcken gelegen hatte. Die Gesichter der Beteiligten können unmöglich geistreich gewesen sein.

Jäger-Latein, oder des berühmten Freiherrn v. Münchhausen [...]. Poetisch bearbeitet im Versmas von Blumauer's travestierter Aeneis  von Chr. H. Gilardone, Hanau 1839

“Vorwort an die hochungeneigten Herren Rezensenten.

Weil mir die Sache selbst Vergnügen machte,
Hab' ich in eigner Art sie ausgeführt;
Darum ihr Herren, sachte, sachte, -
Nicht gar zu haarscharf rezensiert;
Verschüttet nicht mein Kindlein sammt dem Bade,
Ihr lieben Herr'n, - ich fleh' um Gnade.
Deutschland idt gtoß: ‘däss iss 'e alt' Geschicht',’
Wie unser Millerche von Speyer spricht -
Und der Geschmack ist überall verschieden;
Drum will mein Büchelchen der Eine nicht,
So kann's Erheit'rung doch dem Andern bieten; --
Auch wird als Dreingab' mancher Witz gebracht,
Den unser wackrer Freiherr nicht erdacht;
Der Herr'n Münchhausen giebt's noch viel' hiernieden
Und wenn nur hier und da ein Leser lacht,
Dann bin ich reich belohnt und königlich zufrieden. -
    Speyer, im Wonnemond 1838

                    Gilardone”

           Das vollständige illustrierte Werk im Archiv
Münchhausen in Fliegende Blätter Nro. 994, 1864
Den Münchhausen konnte man, wie jedes Werk, zur politischen Waffe machen, so Münchhausen redivivus im Kladderadatsch 23. Juni 1918
Auf die Transkription des Textes wird hier verzichtet.
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