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Parodien - Lenore - bürger_mobil

Parodie

Bezüglich G. A. Bürger ist dieses Gebiet in der Germanistik bisher kaum behandelt, in der aktuellen Bürger-Gesamtausgabe sind nur wenige erwähnt, obwohl es eine sehr grosse Anzahl solcher Werke gibt. Dabei ist nicht einmal restlos geklärt, was eine Parodie ist. Wir beziehen uns hier auf eine sehr weitgehende Definition:
Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch (1809-1811): “Die Parodie, (a. d. Griech,) ein Gedicht; im weiten Sinne, überhaupt ein Werk des Geschmacks, das man nach einem andern bekannten Gedichte oder ähnlichen Werke macht, welches letztere man durch zweckmäßige Veränderungen auf einen andern Gegenstand anwendet, oder gleichsam in einen andern Ton setzt.”
Dabei erfolgt keine Beschränkung auf Werke, die sich selbst ausdrücklich als Parodie bezeichnen oder Werke, die versuchen, ein komplettes Bürgersches Gedicht 1:1 abzubilden. Auf einen Aspekt ist hinzuweisen: eine Parodie wird als solche vom Publikum nur erkannt, wenn das zu parodierende Objekt allgemein bekannt ist. Diese Bedingung ist bei Bürger ohne Zweifel gegeben.
Bezüglich der aktuellen Sprachregelung findet man in der Wikipedia: “In der Literaturwissenschaft versteht man unter Kontrafaktur ein neu gefertigtes literarisches Werk, das von einem früheren Werk wesentliche Bestandteile der Form übernimmt.” und “Als Parodie wird die verzerrende, übertreibende und/oder verspottende Nachahmung eines Werkes; von Kontrafaktur spricht man (auch dann), wenn mit der Kopie keine solche Wertung verknüpft ist.”

Die hier wiedergegebenen Werke sind also streng genommen Kontrafakturen; da dieser Begriff jedoch nicht sehr verbreitet ist, bleiben wir wie zu Bürgers Zeiten bei Parodie.

Viel interessanter ist jedoch der Fakt, dass die Vielzahl der Parodien zu Bürgers Gedichten deren Bekannt- und Beliebtheit über einen sehr langen Zeitraum belegen.  
Weitaus die meisten Parodien beziehen sich auf die Lenore. Obwohl sie bereits 1774 veröffentlicht  und unverzüglich populär wurde, erschienen Parodien vorzüglich erst etwa 50 Jahre später, dann aber sowohl im deutschen Sprachraum als auch in Frankreich und England. Im Folgenden wird eine kleine Anzahl von Lenore-Parodien geboten, eine Übersicht auch zu Parodien anderer Gedichte findet man
                                             hier: Parodien.
Um einen besseren Überblick zu bekommen, sind dort die Parodien zur Lenore und zum Lied vom braven Mann wegen ihrer Häufigkeit in Gruppen von Jahrzehnten aufgeteilt. Hier sind einige Parodien ausgewählt:
Lenore              

Das Lied vom braven Mann

Die Entführung           

Münchhausen     

Die Weiber von Weinsberg

Das Mädel das ich meine          

Lenardo und Blandine

Der Kaiser und der Abt

Einzelstücke

Sonstiges


Lenore
Die bekannteste Parodie ist sicher:
              “Lenore fuhr ums Morgenroth,
              Und als sie rum war
              War sie tot.”

Merkwürdig ist die Geschichte der Lenore-Parodien vor allem deshalb, weil sie erst ein Viertel Jahrhundert nach Erscheinen des Originals begann und weil die ersten Parodien englischen Ursprungs waren. Es könnte bezeichnend für die unterschiedliche Literaturauffassung sein, dass die erste deutsche Parodie 1804 mit dem bezeichnenden Titel
Poetisch-prophetische Construction der Geschichte der Kantischen Philosophie, nebst einem geschwänzten Sonette, und einer neuesten Epoche in der deutschen Poesie. Eingesandt aus Jena.
erschien. Da waren 1796 /1797 bereits drei englische Parodien zur Lenore veröffentlicht: Lenoré von J. Halket; Miss Kitty: a Parody, on Lenora; a Ballad, Translated from the German by several hands, Edinburgh 1797 und von George Colman  The Maid of the Moor, or The Water Fiends London 1797. Diesen drei Parodien ist gemeinsam eine starke erotische Note. Evelyn B. Jolles hat 1974 die ersten beiden Parodien analysiert und schreibt zur Lenoré: “Der erotische Witz durchzieht die Szenen, die das Mädchen außerhalb des Hauses zeigen, und gibt das Amüsement für den Leser her. Halkett verwendet sieben Vierzeiler darauf, die Wirkung zu beschreiben, die seine Heldin in ihrem unbekleideten Zustand auf sämtliche militärischen Grade der Armee, den König eingeschlossen, ausübt.” Zur Miss Kitty bemerkt sie: “Hinzu kommt, daß die Liebesleidenschaft der fünfzehnjährigen Kitty eine reiche Ernte für die Komik des Stückes einbringt. Der Par­odist benutzt die Frühreife des jungen Mädchens ferner dazu, unter dem Schein der Naivität der Heldin, erotische Dinge verhältnismäßig direkt zur Sprache zu bringen. Tatsächlich leitet sich ein Großteil der belustigenden Wirkung der Miss Kitty von der in ihr offen und versteckt dargebotenen Erotik her.”
Die Lenoré von John Halket enthält zwei farbige Illustrationen:

Nachtstücke aus der Traumbildergallerie. in Zeitung für die elegante Welt 13.6.1823
“Nein, so war es nicht gemeint! Wohl gruben sie, doch ach! kein Blumenbeet, kein Ackerfeld, sondern ein enges, tiefes Grab! Und jetzt erst,– so spät,– begann die Musik. Es war derselbe Gesang, welchen in Bürgers Leonore das gräßlichste Gesindel anstimmt, und welchen der Dichter dem ‘Unkenruf in Teichen’ vergleicht.
Ein leerer Sarg hob sich empor, und die Larven grinsten Karolinen winkend an.”


Bekanntmachung. Aus dem Großherzogthume Baaden. in Isis oder Encyclopädische Zeitung Heft 12 1823
„Was aber der Ausdrucke ‘Wir setzen Voraus, daß.. .-.. bis.... zu verschaffen’ zu bedeuten habe, werden die Besitzer der Hunde nothgedrungen nur einzusehen  glauben, - ich verstehe es wenigstens nicht- bis gemeinschaftliche Mithülfe der geweckten Menschenliebe, einen neuen Schritt zur Aufklärung dieses Uebels versuchen wird. Doch es wird wohl noch lange heißen!
    Geduld. Geduld. wenn's Herz auch bricht
    Mit Gott im Himmel had're nicht.
    Des Leibes bist du ledig
    Gott sey der Seele gnädig!
                      aus Bürger's Leonore.”


Zeitung für die elegante Welt vom 30. März 1824
“In der Münchener Akademie der W. ist nach dem Hesperus 1824. No. 39, eine Notiz des akademischen Astronomen S o l d n e r über den neuen Kometen verlesen worden, deren eigentlicher Inhalt gewesen, daß er ihn noch wenig beobachtet habe, daß aber die in den Zeitungen spukenden Beobachtungen des Kanonikus S t a r k in Augsburg auf astronomische Charlatanerie hinausliefen. Die Münchener Flora hat bei Gelegenheit dieses Kometen der dortigen Sternwarte das Epigramm angehängt:
‘Schläfst, Liebchen oder wachst du?’ Schlagender noch wäre folgende Travestie aus Bürgers Leonore gewesen:
     Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell,
     Hurrah! Kometen laufen schnell!
     Graut Liebchen vor Kometen?
     ‘Uh - ah!*) - Laß die Kometen!’
                                *) Gähn-Interjection.”


Lokales. in Der Bazar für München und Bayern  22.1.1833
“In Neuathen hat die Cholera die ‘Götter Griechenlands’ ergriffen. Die ‘Eos’ und die ‘Flora’ sind hinübergeschlummert zu ihren Lesern. Die ‘Eos’ fuhr schon ums Morgenroth des Jahres ab.”


Frankfurter Nationaltheater. in Frankfurter Ober-Post-Amts-Zeitung 4.5.1834
“Fazit des Urtheils über Hrn. Christ ist: Hr. Christ ist ein recht tauglicher Schauspieler für kleinere Bühnen, wo man K o m ö d i e spielt und keine M e n s c h e n darstellt. Woher der Mann auf unsere Bühne gekommen, das weiß der Himmel:
     ‘Sie frug den Heerzug auf und ab,
     Sie frug nach allen Namen,
     Doch keiner war, der Kundschaft gab,
     Von allen, die da kamen.’"


Aus meiner Reiseschreibtafel in Österreichisches Morgenblatt ; Zeitschrift für Vaterland, Natur und Leben 1.4.1839
"[...] und die Purschen aus Juther und Wegners Weinstube umstellten mich mit ungeheuren gußeisernen Flaschen, in denen der herrlichste Wein glühte und Marqueure pfropften mir alle Taschen voll mit süßsaurer Conditorei-Waare und Berliner Witzen, und um mich ertönte es im widerlichen Gesange der Sonntags-Currende, zu dem das fatale Glockenspiel den Takt schlug:
    'Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht,
    Mit Gott im Himmel hadre nicht;
    Bei Sonnenschein und Kerzenlicht
    Gedenke uns'rer, armer Wicht.'“


Sehr populär war die Lenore in England. Über einen Beitrag im Londoner Punch Vol. XII berichtet die Augsburger Allgemeine Zeitung vom 3. März 1847:
“Wir haben die beiden letzten Nummern des Punch vor uns liegen, und wollen aus ihrem reichen Inhalt hier nur einiges andeuten. Da steht unter den ‘Parlamentsgedichten’ eine nach Form und Inhalt wirklich meisterhafte Parodie: ‘Die neue Lenore, nach Bürger,’ illustrirt mit einem gleich trefflichen Holzschnitt. Das Agricultur-Interesse in der Gestalt eines feisten Pächters und Grafschaftsmitglieds, seufzt daß es von seinem Geliebten, dem ‘Zollschutz (protection)’, verlassen sey; da erscheint dieser um Mitternacht in der Gestalt Lord G. Bentincks auf gespenstigem Roß, die Agricultur-Lenore abzuholen. Sie reiten in sausendem Galopp; dem Grafschaftsmitglied, das sich ängstlich an Bentinck anklammert, fliegt der Hut vom Kopf, und ringsum schwebt ‘luftiges Gesindel,’ worunter die Hauptgruppe ein Sarg mit der Aufschrift ‘Korngesetz,’ getragen von Cobden, dem kleinen Russell und dem stattlichen Peel (mit der nie fehlenden hängenden Lorgnette über der Weste), und die Sargenden gehalten von vier Herzogen mit süßsauren Gesichtern, hinter denen Bright im flachen Quäkerhut hervorschaut. M. Herald und M. Post schweben als alte Damen (M. Herald heißt seit lange ‘Großmama’, mit Regenschirmen unter dem Arm, jammernd zur Seite, und unten reitet Lord Brougham, kenntlich an dem so oft wiederkehrenden Altreißengesicht, auf einem Besenstiel über dem Kirchhof, welchem Roß und Reiter entgegensprengen um dort in Zunder zu zerfallen. Die Leichensteine des Kirchhofs tragen die Namen schon früher schlafengegangener Gesetze, der ‘Pönalgesetze’ u. dergl.”
Im Wiener Punch, 21. Dezember 1848 findet man “Wie die Todtenkopf-Legion ausreißt.”
“Er war vor uns'rer Heeresmacht
Entflohen schnell um Mitternacht,
Und hat im Blatt, im lieben,
Ein Wort nicht mehr geschrieben!
Und viel Gesindel, husch, husch, husch,
Kam hinter ihm geprasselt,
Die jedes einst, wie Herr Cartouche,
Durch Blätter hat gerasselt.
"Sasa, Gesindel, wo ist der Muth,
Daß Ihr so sehr laufen thut?"
- ‘Schön Dank, wir retten unsere Felle,
Die Todten reiten schnelle!’"


Die Einheit Deutschlands. in Innsbrucker Zeitung 11.12.1849
     “Geduld, Geduld, wenn’s Herz auch bricht,
     Mit Gott im Himmel had're nicht!
     Des Leibes bist du ledig,
     Gott sey der Seele gnädig!

Was aus selber geworden? was uns davon geblieben?– Ich weiß es nicht. Es müßte nur der Gattungsname: ‘deutscher Michel’ seyn. Nauwerk von Berlin sagte in der vierten Sitzung in der Paulskirche am 23. Mai 1848: ‘Es ist jedem Deutschen bekannt, daß während eines Menschenalters die deutschen Regierungen sich stets rasch vereinbarten, wo es Unterdrückung der Volksrechte galt; daß sie aber nirgends zur Einigung gelangten, wo Freiheit und Wohlfart der Deutschen es dringend erheischte. Daher noch heute die Zerrissenheit und Vielerleiheit, in welcher die wichtigsten Angelegenheiten der Nation verkümmern.’"


Die neue Leonore in Leuchtkugeln: Randzeichnungen zur Geschichte der Gegenwart — 6.1850 hat, wie viele andere Parodien auch, einen politischen Hintergrund.
“Rapp'! Rapp'! Mich dünkt, der Hahn schon ruft...
Bald wird der Sand verrinnen,
Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft..
Rapp'! Tummle dich von hinnen! —
Vollbracht, vollbracht ist dieser Lauf!
Das Hochzeitbette thut sich auf.
Die Todten reiten schnelle!
Wir sind, wir sind zur Stelle.--

Rasch auf die Revolution
Ging's mit verhängtem Zügel.
Ein leichter Schlag zersprengte schon
Den Hecker, Struv' und Siegel.
Die Bajonette klirrten auf,
Und über Gräber ging der Lauf.
Es blinkten Leichensteine
Rundum im Mondenscheine.

Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,
Huhu! ein gräßlich Wunder!
Des Reichs Verfassung, Stück für Stück,
Fiel ab wie mürber Zunder.
Zur alten Willkür ward das Recht,
Der Bürger wiederum zum Knecht,
Die Einheit uns zur Ruthe
Mit Bundestag und Knute.

Hoch bäumte sich der Standrechtsrapp',
Und sprühte Feuerfunkem,
Und hui! war's unter ihm hinab
Verschwunden und versunken.
Geheul! Geheul im ganzen Land,
Gewinsel bis zum Meeresstrand,
Und Gotha's Herz mit Beben
Rang zwischen Tod und Leben.

Nun tanzten wohl beim Mondenglanz,
Rundum herum im Kreise,
Die Geister einen Kettentanz,
Und heulten diese Weise:
‘Geduld! Geduld! bis Alles bricht!
Mit den Ministern hadert nicht!
Der Kammern seid ihr ledig;
Gott sei den Fürsten gnädig!’”


Eine der umfangreichen politischen Parodien stammt von der deutschen Frauenrechtlerin Louise Dittmar, veröffentlicht im Der Wiener Postillon 1851:
“Der deutsche Kaiser
Der Deutsche fuhr um's Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
‘Bist untreu, Freiheit, oder todt,
Wie lange willst Du säumen?’
Die Freiheit, nach der Herrmannsschlacht,
Gezogen in die dunkle Nacht,
Sie hatte nicht geschrieben,
Wo sie seitdem geblieben.

         [...]

Was klang dort für Gesang und Klang,
Was flatterten die Raben?
Horch Bundesnacht, horch, Todtensang:
‘Laßt uns den Leib begraben,’
Graut Michel auch? der Tag scheint hell,
Der todte Kaiser reitet schnell:
Graut Michel auch vor Todten?
‘Ach, laß sie ruh'n die Todten!’"

der vollständige Text


Der Wochenkrebs. in Der Humorist 10.10.1853
“Jetzt, wenn ein Papiertyphus eintritt, werden sie alle Engländer, sie essen in ‘Engländer's’ Gasthaus ein Gollaschfleisch, trinken ein Seitel Bier, wo sollen da die Lebensgeister wieder herkommen?
Der ‘W’ ruft ihnen noch immer zu! Es kommt zu Nichts, wer will mit mir kaufen?
    ‘Der ‘W.’ frug auf und ab,
    Er frug nach allen Namen;
    Doch Keiner Geld ihm dazugab
    Von Christoph und Abrahamen.’"


Der literarisch-artistische Nachbarbier. in Der Humorist 13.12.1854
“Also: La Grua — nicht da! — Dlle. Wildauer krank! Mad. Csillagh - halbkrank!— Wahrlich wir möchten fragen, wie soll Herr Cornet das Unmögliche möglich machen?! Wo findet er Sängerinnen?
    ‘Er frug den Heerzug auf und ab,
    Er frug nach allen Namen,
    Doch Keiner ihm noch Kundschaft gab,
    Von allen Primadamen!’
Wir hören, es sind mit Dlle. Ney Unterhandlungen angeknüpft; wollte Gott, es bliebe nicht bei Unterhandlungen.”

Morendonner und Kreiselmeier. in Nürnberger Beobachter 31.10.1854

Die betrübte Abonnements-Karte. in Linzer Abendbote: Zeitschrift für Stadt und Land 7.12.1855
“Das ist zu viel! Ich bitte Sie daher inständigst, wenn Sie in der Rubrik, in welcher Sie die Theaterstücke anzeigen, entweder das unglückselige Wort ‘S u s p e n d u’ weglassen, oder geben Sie etwas A n d e r e s hinein. Meine häusliche Ruhe ist doch wenigstens gesichert; ist er einmal im Theater d'rin, dann mag er sagen, was er will, – aber zu Hause, geht freilich der Teufel aufs Neue los – nun Geduld, Geduld!
     ‘Wenn's Herz auch bricht!
     Mit den Abonnenten verdirb dir's nicht.’–
             Ihr ergebenstes
                        wenigstrapizirtes
                        Abonnementbillet.”
Bauprojekte über die Eisenbahn von Wien nach Linz in Wiener Telegraf 26.1.1855
“Ein Antrag wurde in den Vordergrund geschoben, nämlich die neue Bahn so krumm wie möglich zu bauen, [...].”


Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht! in Nürnberger Beobachter 21.8.1856
“Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht! Vom Tiger fordre Sanftmuth nicht und Ehrlichkeit nicht von den Raben. Was kann der Fuchs für seine Natur? Drum mußt Du fordern das Rechte nur.”

Politikus Schnaunzel. in Nürnberger Beobachter 12.8.1856
Anekdoten und Witzspiele. in Leitmeritzer Wochenblatt 6.12.1856
"Thaliens Jünger kommen doch ewig nicht aus der Bretterwelt.– Erst streben sie nach den Brettern – dann ist ihr ganzes Leben und Weben auf den Brettern – und treten sie einst von den Brettern, so kommen sie wieder zwischen die Bretter, nämlich zwischen die schauerlichen sechs Bretter und zwei Brettchen."


Bitte um Erhörung. in Dresdner Nachrichten 23.2.1859
“Schaffet, daß ihr seelig werdet, G e d u l d. In allem Kreuz und Unglück mein soll Hoffnung stets mein Anker sein, G e d u l d. Hoffnung, Hoffnung immer grün, wenn uns Armen Alles fehlet, wenn und Kält' und Hunger quälet, G e d u l d. Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht, mit Deinem Schöpfer hadre nicht, G e d u l d.
   Ein hiesiger Bürger bittet edle Menschenfreunde um ein Darlehn von nur 10 Thlr. zur Aufhilfe seiner Handthierung. Näheres bei Herrn Kaufmann Schuster, Zahnsgasse Nr. 18 parterre.”


Farinage für Fanni. in Der Humorist 24.9.1860
“Die Italiener wollen aber auch die Freiheit. Dummes  Zeug! Haben sie sonst keine Schmerzen? Jetzt, nachdem ich Italien zwei Länder abgekneipt habe. Nichts da! dulde ich solchen Unfug, wie die Freiheit ist, in Frankreich? Was Freiheit! Die Diktatur brauchen die Italiener. Wo werden sie aber einen Diktator hernehmen?
     Ich ging den Heerzug auf und ab
    Und frug nach allen Namen,
    Doch keiner den Diktator gab
    Von Allen die da kamen.
Es gibt nur Einen auf der ganzen Erde, welcher für den Diktator-Posten geeignet ist, welcher Haar auf den Zähnen und Knöpfe in der Zuchtruthe hat, und dieser Eine - bin ich!”
Lizitationsgegenstände. in Figaro 1.12.1860
Reichsrathsitzung vom 25.September in Vereinigte Laibacher Zeitung 28.9.1860
"Fürst Salm sagt, es sei gestern erwähnt worden, das Heil des Staates liege in einer Repräsentativverfassung, in der Annahme einer parlamentarischen Regierungsform. Er könne in solcher Meinung nur einen abgeblaßten Ausdruck Rotteck-Welker'scher Staatsweisheit erblicken. Die Einheit, wie sie von gegnerischer Seite ins Auge gefaßt werde, sei diejenige des Sarges, sechs Bretter und zwei Brettchen, in welchem jedes frische Leben erstickt wird und der Staatskörper einer Leiche gleich eingezwängt, da liegt."


Meister Fröschle's Illustrationen zu Bürger's Lenore in Fliegende Blätter 34.1861
“Lenore fuhr um’s Morgenroth / Empor aus schweren Träumen
Und hatte nicht geschrieben, / Ob er gesund geblieben.
Bist Wilhelm untreu oder todt, / Wie lange willst Du säumen?
Der König und die Kaiserin, / Des langen Haders müde,
Er war mit König Friedrichs Magd / Gezogen in die Prager Schlacht
Erweichten ihren harten Sinn / Und machten endlich Friede.”
Die Arad-Hermannstädter Bahn. in Die Presse 20.11.1862
“Wer kennt vor allem jenen mysteriösen ‘deutschen Culturverein’. der von der Großwardein-Klausenburger Entreprise gleich einem im entscheidenden Momente auftretenden ‘reichen Onkel aus Amerika’ mit einemmal vorgeschoben wird? Wer kennt ihn? Bis Dato hat sich noch niemand gemeldet, um ein befriedigendes Signalement über ihn abzugeben.-
    ‘Man frug die Börse auf und ab,
    Und frug nach allen Namen;
    Doch keiner war, der Kundschaft gab,
    Von allen, so da kamen.’"


Vermischtes in Neue Augsburger Zeitung 3.8.1863
“Aus der landwirtschaftlichen Ausstellung in Hamburg [...] Amüsant war nur das junge Volk der noch ganz unerzogenen kleinen Ferkel in ihrer drolligen Derbheit. Sie spielten ohne Ausnahme ihren geduldigen Müttern sehr übel mit, und führten dabei ein Concert auf, gegen welches ‘Unkenruf in Teichen’ Sphärenmusik ist.”


Nur keine Ueberstürzung! in Kladderadatsch 24.4.1864
“Wann setzt — wer sagt mir das sogleich? —
Die stolze Flotte von Oesterreich
    Dem Dänen sich zur Wehre?
Geduld, Geduld, wenn' Herz auch bricht!
Sie ist, wenn wahr ist, was man spricht,
    Schon — aus dem Mittelmeere.

Wann wird — der Däne schnappt zum Schreck
Die Briggs uns vor der Nase weg —
    Die Hilfe Oestreichs kommen?
Geduld, Geduld, mein lieber Sohn!
Sie war in Sicht in Lissabon
    Und ist gen Nord geschwommen.

Schon ist von Danske's ‘kühnem Griff’
Geraubt manch' gutes deutsches Schiff —
    Hilf Oestreich uns vor Schande!
Geduld, wenn's dir das Herz auch preßt!
Die Schiffe sind ja schon in Brest
    Und — holen Kohlen vom Lande.

Der ‘Kaiser’ und der ‘Schwarzenberg’,
Wann werden sie zum Rettungswerk
    Die starken Segel spreizen?
Geduld! Sie rasten nur zur Stund',
Sie ankern schon in Texels Grund
    Und werden — nächstens Heizen.

Und wann, du Admirals-Corvett',
Wann wirst denn du, ‘Elisabeth,’
    Die schmucken Taue spannen?
Ich bin noch in der Adria —
Geduld, Geduld, ich komme ja;
     Will mich nur erst bemannen!

O komm herbei in raschem Flug!
Wann seh' — Gefahr ist im Verzug —
    Ich deine Wimpel glänzen?
Geduld! Ich komm' — zum Friedensschluß,
Und salutir' mit dem ersten Schuß
    Die — Londoner Conferenzen!
              Kladderadatsch.”


Feuilleton. Musik. in Wiener Zeitung 20.11.1866
“Sonst möchten wir aber dieses Concert im Allgemeinen nicht zu den von besten Sternen beschienenen zählen. Schwankungen mancherlei Art machten sich fühlbar, besonders bei ‘Rosamunde’; die Clarinetten waren ‘Unkenruf in Teichen’, das Publicum verhielt sich ruhiger, gemessener denn sonst, obwohl es sehr zahlreich vertreten war.”


Deutsche Weisen mit Nachklängen. in  Figaro 23.6.1866
„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los,
Es gießt Kanonen der Franzos.

‘Wohlauf, wohlauf über Berg und Fluß’
Der Hannoverkönig fortzieh'n muß.

‘Leb' wohl, du theures Land, das mich geboren,’
Ich habe meinen Kopf beinah' verloren.

‘Ein freies Leben führen wir’
In Holstein und in Sachsen hier.

‘Du Schwert an meiner Linken!’
Laßt Bruderschaft uns trinken.

‘Was ist des Deutschen Vaterland?’
Schreit B r a ß mit Frankreichs Ordensband.

‘Ueber diesen Strom vor Jahren’
Preußen einst geschlagen waren.

‘Das ist der Tag des Herrn,’
Kanonen donnern fern.

‘Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,’
Mit Kriegsgesetzen had're nicht.”


Passende Lieder für den österreichischen Staatsminister. in Champagner: humoristisch-satyrisches Wochenblatt. 9.2.1867
“Wo bleibt mein Geld, so frag' ich alle Tage.
  O, du lieber Augustin, alles ist hin.
    Ja, das Gold ist nur Chimäre.
       O Mutter, hin ist hin,
       Verloren ist verloren!
    Was fang' ich armer Teufel an!!?
Ich hab mein Sach' auf Nichts gestellt - O weh!”


Delegations-Bankett. in Figaro 15.2.1868
“Wie es vielleicht später einmal von den Ungarn arrangirt werden dürfte.
  Der Bankettsaal ist durch eine Glaswand in zwei Hälften getheilt; die Abtheilung für Ungarn ist von Gaslicht hell erleuchtet. Ueber dem Sitze des Präsidenten stehen in goldenen Lettern die Worte:
            Parität, 30 Perzente oder Nichts.
Die cisleithanische Saalhälfte ist durch ‘Schusterkerzen’ erleuchtet, den Deputirten sind hölzerne Bänke als Sitzplätze angewiesen. Oberhalb des Präsidenten-’Bankel's’ liest man die inhaltsschweren Worte:
         Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
         Das Quotenzahlen ist Bürgerspflicht.”


Wochen-Plaudereien. in Augsburger Neueste Nachrichten 8.11.1869
“Mir hat der häßliche Alte gefallen, ich habe mich neben ihm auf einen alten verwitterten Grabhügel gesetzt und mir Todtengräber-Geschichten erzählen lassen, Histörchen, heiter und ernst, traurig und schaurig; das klang so heiser und hohl, wie vor Zeiten bei der alten Muhme in der Spinnstube. Und er erzählte mir, wie einst in sternenheller Nacht der Mond über die Gräber schien und einen muthigen Kavalier, ein lebensfrohes Prinzlein beleuchtete, den sein Durst nach heißen Küssen hieher geführt und der von einem leise und lose dahin schwebenden Gespenst überrascht wurde. So eine Chevauxlegers-Säbel thut oft gute Dienste, meinte der geschwätzige Alte. Wie singt doch Bürger:
   ‘Graut Liebchen auch? ... der Mond scheint hell!
   ‘Hurrah, die Todten huschen schnell!
   ‘Graut Liebchen auch vor Todten?
   ‘Ach nein! ... doch laß die Todten!’"


Trost der Ultramontanen. in Kladeradatsch 14.3.1869
“Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht,
Der Nuntius entgeht uns nicht!
Wird euch auch etwas lang die Zeit,
Vertraut nur fest auf A d e l h e i d!”

O Mutter, Mutter, hin ist hin! in Fliegende Blätter 50 1869

Nachrichten für Stadt und Land  in Oldenburger Zeitung für Volk und Heimat 20.4.1872
“’Graut Liebchen auch vor Todten?’  ‘Ach nein! . . . doch laß die Todten!’ sagt Bürger in seiner ‘Leonore’. Es ist wahr, es ist immer gut, wenn man die Todten ruhen läßt. Auf dem hiesigen Kirchhofe scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein. Hier läßt man die Todten in Ermangelung eines Besseren, das heißt weil der Kirchhof zu klein ist, nur 16 Jahre anstatt der gesetzlichen 25 Jahre ruhen.”

Großer Sternschnuppenfall. Auf der Pariser Höhe beobachtet seit dem 4. September 1870. in Kladderadatsch 1871
(Clericale Lügen.) in Bozner Zeitung 17.7.1873
“Jede Unschuld von zwanzig Jahren im ganzen Sarnthale machte sich nun die boshafte Vorstellung, als hätte die Pfarrersköchin, wie ihre Ahnfrau von Paradieseszeiten, in den Apfel gebissen. Als dann die Langvermißte endlich doch wieder kam und das Gerede immer nicht aufhörte, stieg der gerechte Zorn in das milde Herz Seiner Hochwürden, rasch sattelte er sein Dänenroß und rennt dem Landgerichte zu. ‘daß Roß und Reiter schnoben.’


"So kann's nicht bleiben." in Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe) 24.1.1875
“Baron Scharschmidt bekämpft die Anschauungen des Abgeordneten Wickhoff. Er bedauert es, daß aus der Mitte der Verfassungspartei, sich Klagen gegen das Abgeordnetenhaus und die Regierung erheben, weil beide Faktoren der Krise rath- und thatlos gegenüber ständen. Abgeordneter Wolfrum hält eine lange Rede gegen die Vermehrung der Staatquoten. Der Inhalt seiner Rede ist: ‘Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht, mit Gott im Himmel had're nicht.’“


Eine sehr beliebte und häufig verwendete Parodieform ist die Bildergeschichte. Eine davon ist die Schauderöse Abenteuer eines Coupons, oder: Die Schneeverwehung des Unionbank-Directors Minkus in Der Floh 3. Jaener 1875
In fünfzehn Strophen wird die Lenore passend zu einem aktuellen Ereignis parodiert, zu jeder Strophe gibt es ein kleines Bildchen. Hier die erste und letzte Strophe:

“Herr Minkus fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen.
‘Bist untreu Ghyczny oder futsch?.
Wie lange willst Du säumen?
Was kriegen wir von Ostbahn noch
Zu stopfen dieses große Loch,
Das uns vom Krach geblieben?
Du hast mir nichts geschrieben.’
  [...]
Doch Minkus ist ein tücht'ger Mann,
Nicht gackert und nicht prahlt er,
Und für den Unionscoupon
Baar sieben Gulden zahlt er.
Die Actionäre tanzen froh
Und singen dann im Chor so:
‘Des Coupons sind wir ledig
Gott sei der Actie g'nädig!’"
Dat's mien Popp. En Wiehnachtsgeschicht van'n Dorpe in Illustrirte Zeitung  23.12.1876
“Doch in Dorp Buckholt bleew dat eene Hart, wat üm den eenen ‘Vermißten’ truure, ahne Trost un Hapnung.
   ‘Sie ging den Zug wol auf und ab,
   Sie frug nach allen Namen,
   Doch keiner war, der Kunde gab,
   Von allen, die da kamen,’
wie et in Börger sien Leed van Lenore heet.”


Volkswirthschaftlicher Theil [Vom Viktualienmarkt.] in Nürnberger Presse 16.12.1877
“Zudem sind die altgewohnten Pfade, die Ihren Marktreporter zu Eier-, Geflügel- und Gemüsehändlern führten, durch die, Leute gesetzten Alters sehr antiquirt vorkommenden Christmarktsbuden versperrt, ich wandle ungewohnte Wege und es geht mir, komme ich in die zerstreuten Bivouacs der Gemüseweiber, rings um die Sebalder Kirche, wie Bürger's herzgeängstigter Leonore:
        Sie frug' den Zug wohl auf und ab,
        Und frug' nach allen Namen.
wo finde ich meine Groß- und Kleinreutherinnen, meine [...].”


Leipziger Tageblatt und Anzeiger : Amtsblatt des Königlichen Amts- und Landgerichtes Leipzig und des Rathes und Polizeiamtes der Stadt Leipzig 13.10.1876
"Herrn Wilhelm Liebknecht, Redacteur des Vorwärts, Leipzig.
    Der canis und die Vorwärtsin
    Des langen Haders müde
    Erweichten ihren harten Sinn
    Und machten endlich Friede:
singt Bürger und läßt seine 'verbohrte' Elnore mit ihrem Wilhelm hurre hurre hop hop hop zum Teufel reiten.
Hochmögender Herr des 'gepritschten' Vorwärts und des vielgebissenen Volksstaat, Sie erlauben doch gütigst einem armen, 'hochgradig Verbohrten'*) ein paar simpele Fragen zum Schluß der seltsamstiligen Correspondenz?
   Heißen Sie nicht auch Wilhelm? Haben Sie nicht ein intimes Verhältniß mit der 'zorn'gen Dirne'**), der blutarmen und brennrothen Elnore Commune? Besitzen Sie denn gar keine Lust oder verteufelt keine Schneide selbander mit der tollen Maid im saußenden Galopp — hinter sich diverses Schreibergesindel — dem Bürger'schen Liebespaar nachzujagen?
        Ihr beiß-fehde- und siegmüder
        can. fam. vulgo Pritscher.
*) Vorwärts-Briefkasten Nr. 5.
**) Leipziger Tageblatt, vierte Beilage Nr. 180."
Dritter Akt. Dritter Auftritt in Aus Göthes lustigen Tagen: Original-Lustspiel in 4 Akten von Elise Henle  Stuttgart 1878   

“Amalie.
    (nimmt ein Buch vom Tische, darin blätternd)
Das soll er auch, doch will ich sorglich wählen,
Zum Ernste wird ihn dann der Ernst schon zwingen.
Da lest, doch Göthe, hütet Euch vor Schwänken.
    (gibt Thusnelde das aufgeschlagene Buch, das Erste dagegen nehmend)

Göthe.
Wie könnt Ihr, Durchlaucht, anders von mir denken?
Sieh sieh, des Bürgers Leonore.

Alle.
Ah!

Göthe.
    (liest mit Ausdruck, alle hören gespannt zu)
Leonore fuhr um's Morgenroth,
Empor aus düstern Träumen,
Bist untreu, Wilhelm, oder todt,
Wie lange willst Du säumen?
Er war mit König Friedrichs Macht,
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben,
Ob er getreu geblieben.
    (mit gleichem Ernste lesend, während sich die andern betroffen ansehen)
Der Herzog und die Herzogin
Des langen Haders müde,
Erweichten ihren harten Sinn
Und machten endlich Friede,
Denn jeder sah ganz sonnenklar,
Daß jeder schon gefehlet,
Er, weil er oft nicht höflich war,
Sie, weil sie ihn gequälet.
    (Merk rückt unruhig auf seinem Stuhl, die Andern lachen leise. Göthe liest ruhig weiter)
Und überall, allüberall,
In Tiefurth, Belvedere,
Gibt's Schlittenfahrt und Maskenball
Dem hohen Paar zur Ehre.
Der Wieland kömmt als Oberon
Mit Stock und mit Perrücke,
Und Darmstadt's Apotheker-Sohn
Erscheint als gift'ge Mücke.
           (Merk will aufspringen. Bertuch drückt ihn lachend auf den Stuhl nieder. Göthe liest ruhig weiter)
Er fragt den Göthe Wort für Wort
Nach seinem Thun und Treiben
Und summt und brummt in einem fort,
Wie's halt die Mücken treiben.
Und als er hört die Mähr, o Graus,
Daß Göthe Maler werde,
Da reißt er sich die Flügel aus,
Mit wüthiger Geberde.

Amalie
    (die Thränen trocknend, unter Lachen)
Genug, genug Ihr seht ja, ich ersticke.

Carl August (ebenso).
Ihr habt ihn doch zum Ernst gezwungen, Mutter.

Göthe (liest ruhig weiter).
O Heinrich, Heinrich, bester Freund,
Verloren ist verloren,
Es ist nicht jeder, was er scheint,
Drum laß mich ungeschoren.
       (Schallendes Gelächter. Göthe aufstehend, schlägt Merk mit dem Buch auf die Schulter)”
„Orpheus-Blätter“. Handgeschriebenes Periodikum, erschienen 1878 bis 1879 vermutlich in Wien.
Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp, / Gieng's fort im sausenden Galopp.
Wo ist der Reichskanzler? (zur Reichstagseröffnung.) in  Berliner Wespen 17.1884
“Sie frug den Zug wohl auf und ab   /  Und frug nach allen Namen,     
Doch keiner war, der Kundschaft gab, /  Von Allen, so da kamen.  (Lenore.)”
Auch im Reichstag sind die Bretter und Brettchen Thema in der Norddeutschen allgemeinen Zeitung 21.3.1885
“Der Reichskanzler will gern den Exekutor beseitigen, aber mit diesem Zoll vertheuert er dem armen Mann, der aus diesem Jammerthal scheidet, sogar die sechs Bretter und zwei Brettchen zum Sarge. Der Zoll belastet die Gesammtheit der Steuerzahler zu Gunsten der großen Grundbesitzer; er verhindert, daß dem Volke endlich das Rechtsbewußtsein zurückkehrt, daß die deutsche Eiche ursprünglich deutsches Volkseigenthum und der Wald eigentlich gemeinschaftliches Eigenthum war.”


Geburtshelferkröte oder der Fessler Alytes obstetricans. in Mittheilungen der Aargauischen Naturforschenden Gesellschaft 1886
“Von den schwanzlosen Lurchen des Terrariums bleibt nun nur noch die Unke übrig. Nicht das wissenschaftliche System, wohl aber die Volkssage, stellt sie als Uebergang zu den geschwänzten Lurchen hin, denn selten wird sie im Volksmunde anders genannt, als in Verbindung mit dem Salamander, und Molch und Unke sind im Volksaberglauben unheimliche und gespenstische Wesen. Der Gefangene im schauerlichen Burgverließ wird von ihnen geplagt, bis er den Hungertod erleidet
    ‘Ihr Lied war zu vergleichen
    Dem Unkenruf in Teichen,’
schreibt Bürger von einem nächtlichen, gespenstischen Leichenzug, und der Unkenteich mit Irrlichtschein spielt in der Volkspoesie und in Gespenstergeschichten eine große Rolle. Auch diese unheimlichen Gesellen befinden sich als rechtmäßige Bürger im Terrarium.”

Je nach Umständen. in Der wahre Jacob 1886
T o c h t e r (Bürger's Leonore lesend): "Vater, ist es denn wahr, daß die Todten schnell reiten?"
V a t e r (zerstreut): "Ja, liebe Mary, wenn sie Eile haben."
Kunst und Wissenschaft in Berliner Börsen-Zeitung, Morgen-Ausgabe 7.6.1887
"Um die Portraitähnlichkeit mit dem alten ‘Deutschen Theater’ vollzumachen, fehlt eigentlich nur noch ein Mitglied — Frl. Anna Haverlandt. Die Herzen der großen Verschworenen schlagen sicherlich der ‘Entfernten’ mit wilder Sehnsucht entgegen. Wie heißt es in dem bekannten Bürgerschen Gedicht?
    Herr Barnay fährt um's Morgenroth
    Empor aus schweren Träumen.
    Bist untreu, Anna, oder todt?
    Wie lange willst Du säumen?"
Classisches aus den Bädern. In Franzensbad. in Der Floh 1887
"Lenore fuhr um's Morgenroth empor aus schweren Träumen."
Versammlungen. in Vorwärts : Berliner Volksblatt ; das Abendblatt der Hauptstadt Deutschlands 25.6.1891
“Der sozialdemokratische Wahlverein für den zweiten Wahlkreis [...]. Referent bespricht dann noch die Brandenburger Polizeiverordnung, wonach kein Gastwirth seinen Saal mit rothen Fahnen  ausschmücken darf, und empfiehlt der Polizei, die rothe  Farbe abzuschaffen, das rothe Blut abzuziehen, dem Regenbogen  zu befehlen nur noch 6 Farben zu zeigen, den Damen die Schamröthe zu untersagen, in Bürger's ‘Lenore’ anstatt Lenore fuhr ums Morgenroth empor aus schweren Träumen, zu setzen: Lenore  fuhr um die Frühstückszeit u.s.w., u.s.w.”


Berliner Börsen-Zeitung 22.4.1891
“Der Endvers sprach von der Zeit, da sie nicht mehr spielen und singen werde, da sie die Bretter, welche die Welt bedeuten, mit den sechs Brettern und zwei Brettchen vertauscht habe. Auf ihren Stein, so schloß das Couplet, solle man dann setzen:
    Hier ruht die Stolle,
    In jeder Rolle
    Entflammte sie ganz lichterloh
    Und alle ebenso.
Das war nicht zu viel gesagt.”


Der reuige Wilhelm! in Hamburger Anzeiger 15. Januar 1892
Der Wilhelm fuhr um's Morgenroth,
  Empor aus seinen Kissen!
  Er hat im Traum vor Angst geschwitzt
  Und vor Gewissensbissen!
  Erschienen war ihm die Marie
  Und rief: "Du läßt mich sitzen?
  Ich stürze in die Alster mich!
  Mir kann nichts weiter nützen!" - -
  "Die kriegt das fertig", brummte er,
  "Ich mach mich auf die Beine
  Und kaufe reuig Hochzeits-Staat
  In bill'ger "Goldner Neune!" -"
Im neuen Kurs in Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 9.1892

„Rapp, Rapp, mich dünkt, der Hahn schon ruft,  
  Bald wird der Sand verrinnen, —
  Rapp, Rapp! Ich witt're Morgenluft,
  Rapp, tummle dich von hinnen.

  Rasch auf ein eisern Gitterthor
  Ging's mit verhängtem Zügel.
  Mit schwanker Gert' ein Schlag davor
  Zersprengte Schloß und Riegel.

  Ha sieh, ha sieh! im Augenblick,
  Huhu, ein gräßlich Wunder!
  Des Reiters Koller Stück für Stück
  Fiel ab wie mürber Zunder!

                      (Bürger.)”
Lothar Meggendorfers humoristische Blätter 15. 1893 zeigen eine ganz andere Lenore: Auch eine Leonore
“Leonore fuhr um’s Morgenrot . . . .”
Humor im Redaktionsbriefkasten bringt der Tiroler Volksbote 19 July 1894
    “Frage: ‘In Bürgers ‘Leonore’ steht: ‘Die Todten reiten schnell!’
          Können denn die Todten reiten?’
    Antwort: ‘Weshalb nicht? Wenn sie es vorher gelernt haben.’"


Theater, Kunst und Literatur. in Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe) 15.8.1897
“Ein kühnes Sujet und ein altväterischer Dialog. Der alte Excellenz-Graf hat eben Abschied von der Enkelin genommen, welche die Hochzeitsreise antrat; ‘Ein Fremder’, wie er auf dem Zettel genannt wird, besucht ihn zu abendlicher Stunde, in Wirklichkeit Jemand, den er schon flüchtig kennen lernte, der ihm immer sympathisch war und der nun in der trüben Abend- und Abschiedsstunde seine weichmüthigen Erinnerungen anhört und begleitet. Dieser Fremde ist — der Tod, der Tod im Salonanzug, aber von Herrn W e i s s e mit einem Porträt dargestellt, das gruselig wirkte. Man hat es, wie ersichtlich, mit einer ziemlich bizarren Allegorie zu thun. ‘Graut Liebchen auch vor Todten? Ach nein, doch lass’ die Todten !’ Dieser letzteren Ansicht war ein großer Theil des Publikums, das, als der mit schwarzer Cravate und Handschuhen modern ausgestattete Tod dem Alten liebevoll die Augen zugedrückt, untereinander ziemlich uneins war: zischend und applaudirend.”
Nomen est Omen. in Lustige Blätter 189
"Sie brechen viel zu früh auf, Fräulein Lenore." - ""Wieso"" - "Nun, Sie dürften doch erst ums Morgenroth fahren."
Der Entwurf eines Gesetzes, betreffend Aenderungen und Ergänzungen des Strafgesetzbuches (lex Heinze) in Norddeutsche allgemeine Zeitung 7.02.1899
"§ 184 a. Mit Gefängniß bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu sechshundert Mark wird bestraft, wer Schriften, Abbildungen oder Darstellungen, welche, ohne unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzen, zu geschäftlichen Zwecken an öffentlichen Straßen, Plätzen oder anderen Orten, die dem öffentlichen Verkehr dienen, in Aergerniß erregender Weise ausstellt oder anschlägt."
Eine passende Antwort darauf liefert F. C.:
Ein Vademecum für die Juristen der Zukunft in Bürger-Zeitung für Düsseldorf und Umgebung 17.4.1900
"Da ist z. B. Gottfried August Bürger, der eine Ballade — 'Leonore' — verfaßte, die ein bezeichnendes Licht auf seine ganze Schreiberei wirft. Man lese die folgenden Strophen:
    'Wir satteln nur um Mitternacht.
    Weit ritt ich her von Böhmen.
    Ich habe spät mich aufgemacht,
    Und will dich mit mir nehmen.'
    - 'Ach Wilhelm erst herein geschwind!
    Den Hagedorn durchsaust der Wind;
    Herein, in meinen Armen,
    Herzliebster, zu erwärmen!' —
Diese für ein Mädchen durchaus unziemliche Einladung beantwortet der nächtlich hereingeschneite Bräutigam aber mit einer noch stärkeren Zumutung:
    'Laß sausen durch den Hagedorn,
    Laß sausen, Kind, laß sausen!
    Der Rappe scharrt; es klirrt der Sporn.
    Ich darf allhier nicht Hausen.
    Komm, schürze, spring' und schwinge dich
    Auf meinen Rappen hinter mich!
    Muß heut noch hundert Meilen
    Mit dir ins Brautbett eilen!'
Natürlich erwartet man, daß Leonore als sittsame Jungfrau eine solche Zumutung ablehnt. Aber Gott bewahre! Nach einigen sehr neugierigen und durchaus unschicklichen Fragen thut Leonore, was ihr 'Herzliebster' verlangt und reitet mit ihm allein bei Nacht und Nebel davon! Man vergegenwärtige sich nun, welch einem verderblichen Einfluß so etwas auf unsere Jugend haben muß. Wahrlich, unsere Poesie ist ein Augiasstall geworden, der eines Herkules zum Reinkehren bedarf, ein Amt, das in diesem Fall ja auch glücklicherweise von dem Herrn Roeren übernommen wird."


Im Sensationsnachrichtenbureau der Lustigen Blätter 15.1900 findet sich
         “A. : Ich denke, alle Europäer in China sind ermordet;
               und jetzt stehen sie schon wieder vor Peking?
          B. : Nun ja: die Todten reiten schnell.”

Der gerupfte Pfau oder Suum cuique. in  Lustige Blätter schönstes buntes Witzblatt Deutschlands — 15.1900
“Und jedes Heer mit Sing und Sang,
Mit Kling und Klang und Zsching und Tschang,
Geschmückt mit ‘Pfauenfedern’ - - - -
                (Nach Bürgers ‘Leonore’)”
Der grausige Ritt in Lustige Blätter: schönstes buntes Witzblatt Deutschlands — 17.1902
“Der grausige Ritt.
Wie flogen rechts, wie flogen links
Der Paragraphen Trümmer!
Wie heulte durch die Lüfte rings
Ein Zetern und Gewimmer!
‘Graut Liebchen auch? .... der Mond scheint hell,
Hurrah, das Plenum reitet schnell!
Nur immer stramm sich sputen,
Hier geht es nach Minuten!’

Sieh da! sieh da! am Anger dort,
Ganz elend und gebrochen,
Tanzt ein Gesindet immerfort,
Tanzt um den letzten Knochen.
‘Sasa, Gesindel, hier! komm hier!
Gesindel, komm und folge mir,
Tanz' uns den Hochzeitsreigen,
Wenn Liebchen wird mein eigen!’

Und das Gesindel, husch, husch, husch!
Kommt hinten nachgeprasselt,
Wie Wirbelwind und Haselbusch
Durch dürre Blätter rasselt.
Und weiter, weiter, hop, hop, hop!
Geht's fort in sausendem Galopp,
Dass die Debatte splittert,
Fünf Mark und Bein erzittert.

Rapp! Rapp! Ich witt're Morgenluft,
Es ist schon ziemlich späte,
Rapp! Rapp! Mich dünkt, der Hahn schon ruft,
Der Diederich, der krähte! —
Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf,
Die dritte Lesung thut sich auf,
Das Plenum reitet schnelle,
Wir sind, wir sind zur Stelle!

Nun tanzen wohl bei Mondenglanz
Rund und herum im Kreise
Die Geister einen Kettentanz
Und heulen diese Weise:
Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
Um fünfzig Pfennig hadre nicht,
Des Reichstags bist du ledig,
Gott sei dem Volke gnädig!”


Ein Echo auf die "Korrespondenz aus St. Gallen". in Der Friede. 20.2.1903
“Hoffen wir, dass dieser unzeitige Frost der politisch-fanatischen Agitationen noch nicht a l l e zarten Keime ehrlicher, friedfertigender Gesinnung und freudiger Begeisterung für die gute Sache ereilt und ertötet habe. Allein ‘Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht, mit Gott im Himmel hadre nicht’ - und fordere auch nicht in einem derartigen Momente der Déroute, der Mutlosigkeit und Enttäuschung, die ‘25%, lt. Statuten’".


Die aufkommende Motorisierung des Strassenverkehrs erlaubte eine mannigfaltige Verwendung der Lenore. Hier ein gelungenes Beispiel:
Automobilistensang in Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 8.1903
“Von einem einfachen B ü r g e r
Zur ‘Zuverlässigkeitsfahrt’ des Berliner Automobilvereins.

Wir fahren los ums Morgenroth
Nach kurzen schweren Träumen,
Sind Sieger Abends oder todt,
Da hilft kein langes Säumen.
Uns gilt kein Todtschlag und kein Mord,
Uns gilt als höchstes der Rekord.
Wir müssen 1000 Meilen
Noch heut' zum Ziele eilen.

Wie fliegen - ha - in Stücken rings
Die Rinder und die Schweine!
wie fliegen rechts, wie fliegen links
Die menschlichen Gebeine!
Die Huppe tutet: Hopp, hopp, hopp.
Fort geht's in sausendem Galopp,
Daß die Ventile fauchen
Und die pneumatics rauchen.

Und überall, allüberall
Auf Wegen und auf Stegen,
Eilt Alt und Jung beim wüsten Schall
Der Huppe uns entgegen.
Und wenn wir dann vorüber sind,
Liegt Vater, Mutter, Vieh und Rind
Mit leidender Geberde
In Theilen auf der Erde.
                     Frido”


Besonders knapp war die Werbung für einen Tee in Die Zeit 29.11.1906:
“’Leonore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Träumen’— weil sie ihren Indra-Tea nicht getrunken.”
Hier ein Werbeplakat von 1900:
Unpolitische Zeitläufe. in Sächsische Volkszeitung 4.8.1907

“Geduld, Geduld — wenn der Schirm auch bricht! Mensch, ärgere dich nicht, denn der Aerger ist nutzlos. Laß dir die Stimmung nicht verderben und nicht von den Nerven unterkriegen! Galgenhumor ist auch ein Humor. Auch von dem ödesten Landregen laß dir die Hoffnung nicht wegspülen: es kann ja leicht besser werden, namentlich dann, wenn es so schlecht als möglich ist. Sei nicht übelnehmerisch, wenn der eine oder andere Mitbürger bei diesem häßlichen Zeitlaufe ärgerlich wird und seine Mißstimmung dich fühlen läßt.”


Die Odyssee eines römischen Wohnungssuchers. in Kölnische Zeitung, Erste Beilage zur Sonntags-Ausgabe 5.5.1907

"Wie der ewige Jude streifte ich Tag für Tag ruhelos umher, ich ging die Stadt wohl auf und ab und frug nach allen Namen, wie weiland Lenore, als sie ihren Wilhelm suchte, und gleich ihr fuhr ich ums Morgenrot empor aus schweren Träumen, in denen ich einmal nach der Vorschrift des römischen Volksliedes den hartherzigen Hausbesitzer mit dem Knüppel bearbeitet hatte und nedafür wegen Tierquälerei bestraft worden war [...]."


Das sächsische Wahlrechtselend. in Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Abend-Ausgabe 8.10.1908

“Wo die ‘Diplomatie’ des Grafen v. H o h e n t h a l eigentlich enden wird, ob überhaupt eine Wahlreform zustande kommt, läßt sich anch heute noch nicht erkennen. Alle Wege zu ihr sind mit dickem Gestrüpp überwuchert. Man arbeitet zwar mit ‘Energie’, um es hinwegzuräumen, wie immer wieder in der Wahlrechtsdeputation versichert wird, aber es geht unseren Wahlrechtspolitikern augenscheinlich wie der Fliege im Spinnennetz. Je mehr sie sich abmüht, aus der beengenden Verstrickung loszukommen, um so hilfloser verwickelt sie sich im Wirrnis der Fäden. Das in stummer Resignation zuschauende sächsische Volk kann sich aber trösten mit der Lebensweisheit August B ü r g e r s: ‘Geduld, Geduld — wenn's Herz anch bricht’!”

Werbung in Aachener Anzeiger, 4.2.1908

Margarete stieg um's Morgenrot / Vergnügt aus ihrem Bette:
„Nun hat es weiter keine Not, / Wenn ich sie nur schon hätte!"
Sie hatte grad im Traum gesehn, / Wie „Kentners Wichse“ schnell und schön
Den Stiefeln Glanz verleihet, / Das ist's, was Grete freuet.


Beiblatt zum Kladderadatsch 17. April 1910
“Schreckliches Traumbild des Herrn v. Jagow
       (Frei nach Bürger)

         (Der Polizeipräsident hat den Rollschuh-
         läufern das Wettlaufen und das Laufen
         in Ketten auf den Straßen verboten.)
Um ihn herum beim Mondenglanz,
Da rollten sie im Kreise,
Im Wettlauf und im Kettentanz,
So flink wie auf dem Eise,
Und heulten: ‘Bis das Rädchen bricht,
Rollt, rollt! Und rennt ihn um, den Wicht,
Und alle, die uns trennten!
Wir warnen Präsidenten!’

Das Lied vom Biedermann
    (Noch freier nach Bürger)
Hoch klingt das Lied vom Biedermann,
O Themis, nimm den Martin hoch!
Wer so Millionen sich gewann,
Den straft nicht Geld - der muß ins Loch!”

Gentners Wichse in roten Dosen ist überall zu haben.
        Fabrikant: Carl Gentner, Göppingen.
Sportleichen. in Teplitz-Schönauer Anzeiger 31.7.1909
“Eine seltsame Art ästhetischer Bildung, die wir da treiben. Aber auch ein Pendant der wundersamen Auto-Rennen, an denen sich die große Welt erfreut. ‘Und näher zog ein Leichenzug, der Sarg und Totenbahre trug. Das Lied war zu vergleichen dem Unkenruf in Teichen.’"
Anzeige des Ferry-Theaters Ottensen in Hamburger Echo, 26.2.1911
Korrespondenz der Redaktion in der Wiener Hausfrauen-Zeitung 1912 widmet sich der Motorisierung:
“Stephanie in St. .. ch. Natürlich erregt es Interesse, daß eine Wienerin um Fahrlizenz als Chauffeurin einkam. Das Ereignis bildet einen reichen Stoff für den Humor. Unter andern. An Stelle der Sorge um V o l a n t s für Toiletten tritt die für ‘V o l a n t s’ am Auto. Viele Damen werden jetzt A u t o - d i d a k t i s c h gebildet sein. In den frühesten Morgenstunden wird man Autos finden, denn Frauen pflegen früher aufzustehen als Männer, so zum Beispiel ‘L e o n o r e  f u h r  u m s  M o r g e n r o t’".


Jagd auf die rote Farbe. in Vorwärts : Berliner Volksblatt ; das Abendblatt der Hauptstadt Deutschlands  3.8.1912
“Weshalb hat's dem Reviervorstand die rote Farbe so angetan? Das Polizeipräsidium hat auf die Beschwerde noch nicht geantwortet. Sinnt es etwas auf eine Polizeiverordnung zur Besänftigung von rotem Farbenkoller? Wir bringen ihm eine ältere Verordnung in Erinnerung, die gründlich allen Uebels Wurzel, dem Rot, zu Leine ging. Sie lautet:
Polizei-Verordnung.
Da das Licht der Aufklärung die Fledermäuse und Eulen der  Reaktion schmerzhaft berührt,so wird hiermit verordnet: 1. Alle öffentlichen Gebäude sind gräulich zu beschmutzen.
[...]
4. Aurora wird verboten, ums Morgenrot aus dunklen Träumen empor zu fahren oder zu gehen: sie hat liegen zu bleiben.
[...]
9. Jedes Aufsteigen von Schamröte, insbesondere beim Lesen  behördlicher Anordnungen, wird hiermit verboten.
[...]
Wer hiergegen handelt oder in anderer Weise die rote Farbe  verbreiten sollte, wird konfisziert werden und so lange sitzen, bis  er schwarz oder eine Behörde schamrot werden wird.”


Die moderne Lenore. in Wiener Caricaturen, 31. August 1913

Lenore fuhr ums Abendrot
Empor vom Ruhekissen:
— Kommt Wilhelm nicht zum Abendbrot?
Ich muß das schleunigst wissen!
He, Bertchen, fix, geh’ auf die Spur,
Der Zeiger weist auf sieben Uhr,
Im „Stern“ und auch im „Bären“
Pflegt Wilhelm einzukehren!—

Und hurre, hurre, hossassa,
An’s Fenster eilt Lenore.
Ei, ei, wer steht und wartet da
Am Brunnen vor dem Tore?
Ein junger, hübscher, fescher Mann,
Der schmachtet sie mit Blicken an
Und flötet Sehnsuchtstöne:
— Erhöre mich, du Schöne!—

— Nun, Bertchen? — Ach, der gnäd’ge Herr
Wird heut’ sobald nicht kommen;
Es hat vom Lande irgend wer
Ihn mit Beschlag genommen! —
— So, so, hm, hm, na dann ist’s schön.
Kannst du zu deinem Schatz heut’ geh’n.
Darfst länger auch verweilen
Und brauchst dich nicht beeilen! —

Und hurre, hurre, hossassa—
An’s Fenster eilt Lenore;
Der Jüngling steht noch immer da
Am Brunnen vor dem Tore.
Ein Tüchlein winkt, ein Handkuß fliegt.
Die heiße, tiefe Sehnsucht siegt —
Lenores Kemenaten
Könnt’ heute ’was verraten! —

Ihr Männer nehmt euch dies zur Lehr’,
Es gibt noch mehr Lenoren
Und groß ist auch die Anzahl der
Jünglinge vor den Toren!
Ihr meint: Wir sind in sich’rer Hut,
Denn unser Weib ist brav und gut? -
Das ist ein schwaches Tröstchen —
Na, nichts für ungut! Pröstchen!


Die Alpenfahrt in Neues Wiener Tagblatt 15.6.1914
"Der verdammte Regen hatte mir die ganze schöne Einleitung zu meinem Berichte verdorben. Ich hatte zum Beispiel von Lenore sprechen wollen, die ums Morgenrot fuhr, und ich hätte dabei die witzige Frage aufwerfen können, was es gekostet hätte, wenn Lenore um drei Uhr früh mit einem Autotaxi nach Taxe 2 ums Morgenrot gefahren wäre. Da es aber gar kein Morgenrot gab, war die ganze Lenore, die ja ohnehin nicht mehr sehr jung ist. hinfällig geworden. Ich mache auf den geistreichen Doppelsinn des Wortes hinfällig besonders aufmerksam."
Eine wesentliche Rolle spielte Bürgers Lenore in Frankreich.  La Lanterne, 9 février 1914 bringt LA SEMAINE POLITIQUE
Eine weitere Karikatur findet man in Le Règiment, 3 février 1916 les morts vont vite (Die Todten reiten schnell)
Der Kampf um die Kartoffeln. in Floridsdorfer Zeitung 31.8.1917
“Das alles kann dem guten Wiener passieren und er erträgt es noch mit hingebender Geduld, wenn ihm wenigstens die Erdäpfel bleiben.
   Darum schließe ich mit den Worten — frei nach Bürgers ‘Leonore’ —:
Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
Mit den Bauern hadre nicht!
Des Rucksacks wirst du ledig...
Gott sei dem Magen gnädig!
            Karl Broich.”


Köchin Karline am Wahltage  in Kladderadatsch — 77.1924 Seite: 801

Karline fuhr ums Morgenrot
Empor aus ihren Kissen:
„Zum Donnerhagelschwerenot
Heut' werd' ich wählen müssen!
Um achte rückt die Lotte an
Vom Töpfermeister Pannemann,
Um gleich mich abzuholen
Zur Wahl! Drum auf die Sohlen!"

Sie hopst aus ihrem Federbett
Mit fröhlichem Gerase:
Schlüpft eins, zwei, drei in das Korsett
Und putzt sich kaum die Nase!
Da klopft's schon von dem Fenster her:
„Karline, spul' dich, faules Gör!
Hör', wie die Uhr schon bimmelt!
Das Wahllokal, es wimmelt!"

Karline eilt zur Küchentür
Mit Sprüngen hin, niit fixen:
Da tritt die — Gnädige herfür:
„Erst bitte — Stiefel wichsen!
Und dann wird Kaffee schnell gekocht
Und Staub gewischt — und zwar sofocht!"
Ruft sie voll hartem Eifer
Mit ihrem Nasenkneifer.

Karline sträubt sich wie ein Hahn
Und heult in wildem Grimme:
„Uff Ihre Stiebel kommt's nich an,
Doch heut' uff jede Stimme!
Ob dreckig oder uffgewischt -
Det schadet heute alles nischt!
Ick geh — mach'n Sie die Betten! -
Das Vaterland zu retten!"

Da zog sie triumphierend los
Nach diesem stolzen Worte.
Die Gnädige, mit ihrem Bos,
Stand an der Wohnungspforte;
Dann schrieb sie ihr ins Dienstbuch 'rein:
„Die Karoline Hoppelbein
War treu und brav und häuslich,
Nur an dem Wahltag - scheußlich!"
      m. br


Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht. in Lachen links: das republikanische Witzblatt, Sondernummer Verfassungstag 7.8.1925
“Jemand wollte heiraten und wandte sich an das Standesamt seiner Geburtsstadt X. wegen Anfertigung einer Geburtsurkunde. Er erhielt folgenden Bescheid: ‘Die dortseits beantragte Geburtsurkunde kann diesseits nicht ausgestellt werden, dieweil die betreffenden Formulare aufgebraucht sind. Ein Neudruck derselben kann erst im nächsten Etatsjahre erfolgen, dieweil die dafür etatisierten Mittel restlos verbraucht sind.’      R.”


Radio-Rummel in Pester Lloyd 18.1.1925
"Was soll man ferner von den jungen Damen sagen, die im Konzert erst mit der Toilette beginnen. Da fährt vor allem die zarte Hand in die Schminkdose. 'Leonore fuhr ums Morgenrot' - und das Abendrot taucht alsbald auf den Wangen der Schönen auf."

Erna Paul Allen: Der illustrierte Büchmann. In: Revue des Monats 1927/28
Lenore fuhr ums “Morgenrot” / (Gottfried August Bürger)
Einer der vielen Parodien im Kladderadatsch, hier von 1928, ist die
“Moderne Heldenballade
— nach G. A. Bürgers ‘Lenore’ —

(In einer Berliner Zeitung erläutert eine Baronin D. das heutige Frauenideal! ‘Wir träumen nicht mehr, wir genießen; unser Held ist der Sportsmann, der Rekorde bricht, selbst der Hochstapler, der sein Fach versteht, usw.’)

Die Dame fuhr im Seidenkleid
Empor aus schweren Träumen:
Braucht Harry denn so lange Zeit
Die Safes auszuräumen?
Denn so verdient er sich sein Geld,
Mein Abgott, mein moderner Held.
Wie lieb' ich seine Späße
Mit Sauerstoffgebläse.

Mein Vater ist Geheimer Rat,
Von Stande und von Namen.
Ich pfeife d'rauf, dem Mann der Tat
Gehört das Herz der Damen.
Ich diene meinem Rinaldin
Zur Liebe und als Hehlerin,
In meinen seidnen Hosen
Sucht niemand die Pretiosen. —

Da außen, horch! Geht's trapp, trapp, trapp,
Als wie von Stiefelzwecken,
Das Türschloß knackt und schnapp und schwapp,
Unmöglich sich verstecken.
Schon schreit der Schutzmann: ‘Hände hoch!’
Es nützte nichts, wie sie auch log.
Gewisse Ideale
Verwickeln in Skandale.

In Moabit warf sie sich noch
Dem Staatsanwalt zu Füßen:
‘Mein Harry wartet. Laßt mich doch
Nicht gar zu lange büßen.’ —
‘Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
Der Schwerverbrecher wartet nicht,
Er hat Sie gar nicht nötig,
Im Zuchthaus lebt man ledig!’
                                        stoffel.”


Bei einem so bekanntem Werk wie der Lenore konnte es nicht ausbleiben, dass sich die Werbung dessen bediente. Bekleidungshäuser, ein Gasherd-Produzent, der Hersteller eines Bügeleisens, ein Schuhcreme-Hersteller sind Beispiele. Besonders Originell ist die Werbung für Hühneraugenpflaster, nicht nur im Nebelspalter 11.5.1928
Leonore fuhr ums Morgenrot / in ihre Sonntagskleider.
Die Hühneraugen waren weg, / Drum sang sie auch ganz heiter:
"Wo sind sie denn geblieben? / "Lebewohl" hat sie vertrieben."
Aus Anlass 10 Jahre katholische Dienstmädchenorganisation Klagenfurt schreibt die Kärntner Zeitung 3.12.1929
“Kein Mensch hat ein Recht stolz zu sein, denn wir sind alle in der Erbsünde geboren, deren Folgen uns niederdrücken, so daß wir alle gar sehr der Barmherzigkeit Gottes bedürfen. Und unsere letzte Wohnstätte, ob arm oder reich, werden sechs Bretter und zwei Brettchen sein. Mit dem Stolz muß aber auch der Neid hinaus, denn gar oft verbirgt sich unter der äußeren Pracht inneres Elend, das wissen gerade die Dienstmädchen nur zu gut.”


Hans Seiffert hat die Zeichen der Zeit in Jugend: Münchner Illustrierte 35. 1930 zeitig erkannt:
“Umsteigen ins Dritte Reich  
Herr Mahraun fuhr ums Morgenrot
empor aus düstern Träumen.
Das Staatsparteikind ist nun tot.
Ich darf nicht länger säumen.

Ich hab aufs falsche Pferd gesetzt,
das Linksgalopp gelaufen.
Doch Gott war stets und ist auch jetzt
nur mit dem stärksten Haufen.

Drum will ich sehn, daß ich den Zug
nach rechts jetzt noch erwische.
Will's Gott, komm ich noch früh genug
zum Hitler-Gabentische.

Vielleicht verzeiht der Adolf mir,
daß ich mal links gesündigt.
Hier stehe ich. Gott helfe mir.
Ich habe prompt gekündigt.”
Oskar Nerlinger: Leonore fuhr ums Morgenrot  1935
Kurt Walde: Die Vögel des Alpengebietes in Die Tierwelt der Alpen 1936
“Die Zwergohreule ist in den Alpen ein nicht häufiger Zugvogel, in den Südalpen vielfach auch Standvogel, [...]. Sein kennzeichnender Ruf ertönt oft schon im Spätwinter: ein pfeifender, stets gleich hoher Ton, der oft stundenlang ohne jede Unterbrechung vorgebracht wird. Er ist fast zu vergleichen mit dem Unkenruf in Teichen, nur etwas höher.”


Lenore hat es satt. von Winfried Freund. in Rübbelken, Nörgeleien eine westfälischen Querulanten. 1985 S.55

Lenore fuhr nach Liebe toll
Empor aus schwülen Träumen.
»Bist untreu Wilhelm? Oder voll?
Tust deine Pflicht versäumen.«
Er war mit seinem Säufertrupp
Gezogen in den Kegclclub
Und hat nicht ferngesprochen,
Wann er käm' heimgekrochen.

Sie haderte mit ihrem Los,
Vor allem mit der Ehe.
»Der Mann nimmt seine Frau doch bloß,
Damit's ihm wohlergehe.
Die Frau an sich ist ihm egal,
Ihr Liebeswunsch ihm eine Qual.
Soll sie zu Hause bleiben,
Er wird es draußen treiben.«

Doch drinnen horch! Klingklingeling!
Vom Telefon herüber.
Lenore aus dem Bette flink
Schwang sich und hofft' schon wieder.
Doch Wilhelm war es nicht, der Schrat,
Die Freundin war am Apparat.
Sie hat den Mann gefeuert,
Hält Ehe für bescheuert.

»Laß sausen diesen miesen Typ,
Laß sausen, Kind, laß sausen!
Ist dir dein eignes Leben lieb,
Laß uns zusammen hausen.
Sieh hin, sieh her: Das Leben lacht!
Flott mit den Paschas Schluß gemacht!
Wir woll'n sie übertrumpfen.
Laß sie getrost versumpfen.«

Lenore wurde es so leicht.
Es leuchteten die Sterne.
Bald hat das Auto sie erreicht
Und fuhr ab in die Ferne.
Sie fuhr auf Nimmerwiedersehn.
Ihr Leben war auf einmal schön.
Des Mannes war sie ledig,
Glück lächelte ihr gnädig.
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