Das Mädel das ich meine
Das folgende Gedicht ist ein guter Beleg für Bürgers parodistische Ader. Ausgerechnet eines seiner schönsten Liebeslieder Das Mädel das ich meine hat er, offensichtlich auf Anregung Lichtenbergs, in der Poetischen Blumenlese Auf das Jahr 1779, Göttingen unter dem Titel
Die Hexe, die ich meine. parodiert:
“O was in tausend Zauberpracht
Die Hexe, die ich meine, lacht!
Nun sing, o Lied, und sag's der Welt:
Wer hat den Unfug angestellt;
Daß so in tausend Zauberbracht
Die Hexe, die ich meine, lacht?
Wer schuf, zu frommem Trug so schlau,
Ihr Auge sanft und himmelblau ? -
Das that des bösen Feindes Kunst;
Der ist ein Freund vom blauen Dunst,
Der schuf, zu frommem Trug so schlau,
Ihr Auge sanft und himmelblau.
Wer hat gesotten das Geblüt,
Das aus den Wangen strozt und glüht? -
Der Koch, den ihr errathen könt,
In dessen Küch' es immer brennt;
Der hat gesotten das Geblüt,
Das aus den Wangen strozt und glüht.
Wer schwefelte so licht und klar
Der kleinen Hexe krauses Haar? -
Hans Satan, der zu aller Frist
Der gröste Schwefelkrämer ist;
Der schwefelde so licht und klar
Der kleinen Hexe krauses Haar.
Wer gab zu Heuchelred' und Sang
Der Hexe holder Stimme Klang? -
O die Musik ist dessen wehrt,
Der die Sirenen trillern lehrt;
Der gab zu Heuchelred' und Sang
Der Hexe holder Stimme Klang.
Wer schuf, o Liedlein, mach es kund!
Der Hexe Brust so apfelrund? –
Der Adams Frau das Maul geschmiert
Und ihn mit Aepfeln angeführt;
Der schuf, zur Warnung sey es kund !
Der Hexe Brust so apfelrund.
Wer hat die Füschen abgedreht,
Worauf die kleine Hexe geht? -
Ein Drechsler war es, der es that,
Der selber Ziegenfüschen hat:
Der hat die Füschen abgedreht,
Worauf die kleine Hexe geht.
Und wer versah, so schlangenklug,
So Herz als Mund mit Lug und Trug? -
Er that's, der höllische Präfekt,
Der in die Welt die Lügen hekt;
Der, der versah, so schlangenklug,
So Herz als Mund mit Lug und Trug.
Wie kommt es, daß zu jeder Frist,
April der Hexe Walspruch ist? -
Der Teufel, der's ihr angethan,
That's ihr der Hörner wegen an;
Denn wenn die Hexe standhaft wär',
Wo nähm' der Teufel Hörner her?
Den gnade Gott, den sie berükt
Und in ihr Zaubernetz verstrikt!
Denn, nicht für meiner Sünden Pein,
Möchť ich des Teufels Schwager seyn.
Drum gnade Gott, den sie berükt
Und in ihr Zaubernetz verstrikt!”
Doch damit nicht genug. Bürger, der auch Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs war, hatte bisweilen merkwürdige Einsendungen zu begutachten. So schreibt er an seinen Verleger (Brief vom 20. Juli 1780): “Zu dem holdseeligen Ziele, der Jüngling den ich liebe, das ich ja mit aufnehmen soll, weil es so sehr gefält, habe ich in der beliebten Manier des Verfassers einige Zusätze gemacht, die Euch und allen Euren Mitkennern, denen alles geschissene gemalt heisset, nicht minder gefallen werden:[...] Seht, passen der große Satler, der große Kanonier, der große Kürschner, der große Gärtner, der große Schäfer, der große Beutler, der große Drechsler, nicht gar scharmant zu dem großen Färber, dem großen Juwelier, dem großen Lackirer, Emaillemacher u.s.w. des beliebten und belobten Herrn Verfasser?...Zeigt doch die schönen Zusäze Lichtenbergen.”
Vermutlich kam das Werk auf diesem Weg in die Öffentlichkeit. In den Kanthariden. Rom, 1788 bei Giovanni Tossoni findet sich:
“Die Wunderwerke.
Wer hat die Arschback ausgestopft
die sich so prall anfühlt und klopft?
Der große Sattler hats gethan,
der Pferdelenden polstern kann.
Der hat die Arschback ausgestopft,
die sich so prall anfühlt und klopft.
Wer hat gemacht, daß mit Gewalt,
sein F---z vom Arsche donnerd knallt?
Das hat der Kanonier gethan,
der Feuerberge laden kann.
Der hat gemacht, daß mit Gewalt,
sein F---z vom Arsche donnerd knallt.
Wer hat den Arsch mit Pelz geziert
und ihn mit Klunkern ausstaffirt?
Der grosse Kürschner hats gethan
der Hermeline schwärzen kann.
Der hat den Arsch mit Pelz geziert,
und ihn mit Klunkern ausstaffirt.
Wer pflanzte mir zum Zeitvertreib
den schönen Stengel vor den Leib?
Der große Gärtner hats gethan.
der dicken Spargel treiben kann.
Der pflanzte mir zum Zeitvertreib,
den schönen Stengel vor den Leib.
Wer ist es, der genähet hat,
den Wunderbeutel ohne Nath?
Der grosse Beutler hats gethan,
der solche Kunst allein nur kann.
Der ist es, der genähet hat,
den Wunderbeutel ohne Nath.
Wer drechselte fürwahr nicht klein
die Eier voller Dotter drein?
Der grosse Drechsler hats gethan,
der Strausseneier drechseln kann.
Der drechselte fürwahr nicht klein,
die Eier voller Dotter drein.”
Eine weniger drastische Parodie kann man in der Litteratur- und Theater-Zeitung 11.9.1779 finden:
“Ausforderung an Bürger.
Schöner, B ü r g e r ! reim ich ein,
Süßer mag Dein Liebchen seyn:
Schöner ? süßer ? - mag es doch !
Wär es zehnmal schöner noch:
Lieber, holder, als das Deine,
Ist das Mädel, das ich meine.
Jener Auge sey so blau,
Wie die Hyacinth im Thau;
O in solcher Liebespracht
Hat es Dir doch nie gelacht:
Solchen Himmelsblick hat keine,
Als das Mädel, das ich meine.
Lieblich ist auch ihr Gesicht,
Und aus Stirn und Wange spricht
Engelseele fromm und rein,
Ruhig hell, wie Mondesschein:
Solchen Unschuldglanz hat keine
Wie das Mädel, das ich meine.
Und der das an ihr gethan,
Nahm sich meines Herzens an,
Haucht ihm süße Hofnung ein,
Noch von ihr geliebt zu seyn:
Daß ich nicht mehr trostlos weine
Um das Mädel, das ich meine.
Bleibt D i r schon im Bardenkreis
Unentwegt der Liederpreis;
Wag ich in der Liebe schier
Einen Wettekampf mit Dir:
So geliebt wurde keine
Wie das Mädel, das ich meine.
K. E. S.”
Sehr überraschend ist es, wenn sich Adelbert von Chamisso in einem Brief der Parodie von Bürgers Das Mädel das ich meine bedient um über seine Expedition mit der Rurik und seine Entdeckungen zu berichten.
Stoßseufzer bei der Heimkehr (1818) von Adelbert von Chamisso [Titel in der Werkausgabe von 1870]. Als Brief an Hitzig "Aus England", Dienstag 16. Juni im Jahre 1842 veröffentlicht.
“Wer gab mir jenen Carabus, *)
Den Unalaschka nähren muß?
Der Doctor Eschholtz hats getan,
Der Läus' und Wanzen geben kann.
Der gab mir jenen Carabus,
Den Unalaschka nähren muß!
Wer gab auf Peru's reicher Flur
Mir Achyrantes**) Unkraut nur?
Der junge Kunth hat es gethan,
Der Palmen selbst austheilen!
Der gab auf Peru's reicher Flur
Mir Achyranthes Unkraut nur!
Wer gab am Nordpol hart und fest
Mir das verfluchte Felsennest?
Der Kotzebue, der hat's gethan,
Der Meer und Land vertheilen kann.
Der gab am Nordpol hart und fest
Mir das verfluchte Felsennest!
Der Felsen ist ein hartes Bett,
Und Achyranthes macht nicht fett.
Was bringt ein Carabus wohl ein?
Der Sack ist leer, der Muth ist klein.
Der Felsen ist ein hartes Bett,
Und Achyranthes macht nicht fett!
Erst wäre der der rechte Kerl,
Sei's Kaiser, König oder Earl,
Der mir verehrt als Ehrenlohn
Recht eine tüchtige Pension.
Ja der wär' erst der rechte Karl,
Sei's Kaiser, König oder Earl.
Doch Niemand, Niemand denkt daran,
Schlemihlen hängt der Dallas an!
O Schwerenoth! o te beda!
Der Teufel hat mich wieder da
Und Niemand, Niemand denkt daran:
Schlemihlen hängt der Dallas an.
*) Insect. Carabus Chamissonis Schscholz in M. Sept. habit. Unalaschka.
**) Pflanze. Chamissoa, Kunth in plantis aequinoctiallibuis. Humboldt. et Consort. Achyranthea species.
[Unalaschka = Insel im Südwesten von Alaska, die Chamisso als Wissenschaftler auf dem Schiff Rurik unter Kapitän Otto von Kotzebue besucht hat]”