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muenchhausen hamburg 1884 - bürger_mobil

Hamburgischer Correspondent.

Freitag, 25. April 1884


Münchhausen, das Werk eines Diebes. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts empfing die Welt ein literarisches Erzeugniß, wie es nur selten geboten wird, ein Buch, das heute noch viel tausend Menschen in aller Herren Ländern in hohem Grade ergötzt, die Abenteuer des Baron von Münchhausen. So sehr das Buch gleich von Anfang an zu den besten der humoristisch-satirischen Literatur gerechnet wurde und bei allen gebildeten Nationen Eingang fand, so blieb doch des Verfassers Name in tiefer Verborgenheit zwei Menschenalter hindurch, und Niemand errieth, warum der Autor, angesichts seines so außerordentlich glücklichen Erfolges, nie und nirgend hervortrat. Es mußten sehr triftige Gründe sein, die das Incognito bewahrten. Inzwischen wurde über die Enstehung des wundersamen Büchleins gefabelt von Gelehrten und Laien, und einige Anhaltspunkte für die geschäftige Phantasie waren allerdings vorhanden. Man wußte, daß Gottfried August Bürger, der Dichter der „Lenore", bei der Herausgabe des „Münchhausen" betheiligt war; man kannte die witzigen Mitglieder des Göttinger Hainbundes, Bürger's Genossen, den Satiriker Georg Christoph Lichtenberg' und den geistreichen Mathematiker Abraham Gotthelf Kästner. Man erzählte sich allerlei Scherze, die von Bürger, Lichtenberg und Kästner herstammten, und so kam die Fabel auf: der Münchhausen sei das Erzeugniß der Tischgespräche jenes witzigen Kleeblattes in Göttingen, die drei Humoristen hätten sich in der Erfindung grotesker Lügen überboten, und Bürger habe alsdann die Scherze gesammelt und in Druck gegeben.

Diese Mythe erhielt sich bis zum Jahre 1749 [1848]. Da gelang es endlich dem Göttinger Professor A. Ellissen, den Sachverhalt klar zu stellen. Ellissen schrieb eine Vorrede zu einer neuen Ausgabe von „Münchhausen's Abenteuer zu Wasser und zu Lande" und erzählte in dieser Einleitung die Entstehung des Buches, die fast ebenso wundersam klang, wie der Inhalt des Werkes selbst.

Die Gründe der Geheimhaltung des Ursprungs konnten nicht wohl triftiger sein, als sie hier angegeben wurden: Der Autor war ein steckbrieflich verfolgter Verbrecher.

Rudolf Erich Raspe, 1837 in Hannover geboren, war als genialer Schlingel aufgewachsen und schon auf dem Gymnasium als Urheber von Bubenstücken wiederholt in die Geheimnisse des Carcers eingeweiht worden. Als er, reif zur Universität, nach Göttingen kam, und später, da er seine Studien in Leipzig fortsetzte, soll er schon „Robin der Rothe" geheißen haben, vielleicht weil die Commmilitonen seine geheimen Diebsgelüste bemerkt hatten und den Spitznamen seiner Haarfarbe halber für passend fanden. Daß Raspe sich schon auf der Universität zum Hofmeister eines jungen Edelmanns aufwarf, geschah wohl hauptsächlich, um an seines Zöglings Tafel mitzugenießen, was der allgemeine Studentenkoch, vulgo Schmalhans, nicht auf seinem Repertoire hat. Jedenfalls beweist es, daß Raspe sich vorzudrängen verstand und die Tugend der Entsagung großmüthig anderen Leuten überließ. Auf dem schon vor hundert Jahren nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Streberei hatte er im fünfundzwanzigsten Lebensjahre die Stelle eines Bibliothek-Secretarius in Hannover errungen, und nun betrat er die Laufbahn eines Gelehrten mit einem Eifer, der eines besseren Menschen würdig gewesen wäre. Naturwissenschaftliche,  kunstgeschichtliche, philosophische, poetische und besonders dramatische Arbeiten folgten einander, und Raspe erhielt, worauf er es abgesehen, Namen und Anerkennung. Die großen gelehrten Gesellschaften machten ihn zum Mitgliede, und schließlich wurde er 1767 vom Landgrafen von Hessen zum Professor am Collegium Carolinum und Bibliothekar in Kassel ernannt.

Ans diesem, seinen Fähigkeiten durchaus angepaßten Amte, von seinem häuslichen Herde (er hatte sich 1771 verheirathet) und von Ehre und Ansehen sich muthwillig zu vertreiben, war der mit dem Diebesgelüst behaftete Mann im Stande. Der Landgraf hatte ihm sein Antiquitäten- und Münzcabinet anvertraut und des Leichtsinnigen schlecht fundirte Grundsätze waren durch den täglichen Verkehr mit Kostbarkeiten allmählich untergraben worden. Raspe stahl von dem Schatze seines Herrn für etliche 2000 Thaler, wurde entdeckt, verfolgt, verhaftet — nahm dann mit angeborener Spitzbubenvirtuosität aus dem Gefängnisse die Flucht, kam nach England und es folgten ihm nun die Steckbriefe.

Er mußte jenseits des Canals verdientermaßen einen harten Kampf um's Dasein bestehen. Eine Zeitlang war er genöthigt, die Stelle eines Aufsehers in einem Kohlenbergwerk anzunehmen, und ähnliche Dienste um des lieben Brodes willen leistete er, von der Noth gespornt. Erst nach Jahren kam er so weit, daß er seine ehemalige literarische Thätigkeit wieder aufnehmen konnte, und da hatte er den glücklichen Gedanken, ein in seiner Art noch nicht vorhandenes humoristisch-satirisches Buch, eine Lügenchronik, herauszugeben.

Die wegen seiner Sünden gegen das Eigenthumsrecht bestehende Nothwendigkeit, in tiefster Verborgenheit zu bleiben, zwang Raspe, eine fremde Autorität für sein Buch zu adoptiren. Der Gedanke, seine Einfälle einem Jäger in den Mund zulegen, kam ganz von selbst, denn die Waidmänner sind von Alters her die größten Virtuosen im Aufschneiden gewesen. Daß sich ein Cavalier, ein reicher, unabhängiger Mann am besten für die Rolle eines Abenteurers eigne, leuchtete auch sofort ein, und arme Schriftsteller haben ja noch einen besonderen Genuß, wenn sie sich in Unabhängigkeit und vollen Ueberfluß hineinschreiben. Nun hatte Raspe obendrein von einem Cavalier gehört, der in dem Heimathlande Hannover als geistreicher Aufschneider bekannt war und einem weitverzweigten Adelsgeschlecht angehörte : die Freiherren von Münchhausen waren in der Hannoverschen Aristokratie so zahlreich vertreten, daß Keiner dieses Namens behaupten konnte, er allein sei gemeint, wenn auch manche Leute den Baron Hieronymus auf Bodenweder bei Hildesheim bezeichnen mochten, weil dieser als witziger Erfinder vieler Jägerschnurren bekannt war.

Raspe's erfinderisches Spitzbubentalent erkannte nun sofort den besten Weg, seiner Lügenchronik Eingang zu verschaffen — er stahl dem bekannten Aufschneider seinen Namen, blieb selbst absolut verborgen und Niemand ahnte den Zusammenhang, um so weniger, als das Buch in England erschien und in englischer Sprache herausgegeben wurde.

Der Name des hannoverschen Freiherrn lenkte alsbald in dem deutschen, unter England's Suzeränität stehenden Lande Hannover die Aufmerksamkeit auf das Buch. Gerade um die Zeit, da dasselbe erschien, hatte der Dichter Bürger seinen Wohnsitz in die Universitätsstadt Göttingen verlegt, hatte begonnen, sich um des lieben Brodes willen auf Uebersetzungen zu legen und kam nun alsbald auf den naheliegenden Gedanken, das, seinem Titel entsprechend, Deutschland angehörende Buch der Heimath anzupassen. Seine Freunde bestärkten ihn in dem Plane um so mehr, als der außerordentlich witzige Inhalt des Werkchens großen Erfolg versprach.

Zwar verhehlten sich Männer, wie Lichtenberg, Kästner u. A. keinen Moment, daß „Münchhausen's Abenteuer" kein absolutes Originalwerk seien. Sie kannten die Schriften der alten Satiriker, speciell des witzigen Griechen Lucian, hinlänglich, um zu wissen, daß der Autor des neuen Buches Vieles aus uralten Büchern zusammengeklaubt hatte, wenn sie auch nichts von Raspe und seinem Spitzbutzen-Talent wußten. Aber bei alledem war der Münchhausen so gut gestohlen und gelogen, daß Jeder seine Freude an dem Büchlein hatte.

Also Bürger übersetzte dasselbe. Daß der mit den bittersten Nahrungssorgen kämpfende Dichter sich bei der Arbeit manche fröhliche Stunde verschafft hat, daß er herzlich lachte, wenn er Geschichten, wie diejenige vom Windspiel, welches sich die langen Beine ablief und zum „Teckel" wurde, übertrug, kann man sich lebhaft vorstellen. Ebenso hat man ein ergötzliches Bild vor Augen, wenn man sich Bürger vorstellt, wie er seinen Tischgenossen Lichtenberg und Kästner einen neuen Bogen vorliest und wie der verwachsene unter den Zuhörern (Lichtenberg hatte, wie der griechische Fabeldichter Aesop, einen Höcker) sich schüttelte. Im Besitze eines Buckels brauchte er sich nicht erst einen solchen zu lachen.

Als die zweite Auflage der Uebersetzung erschien, nachdem das englische Original schon fünf mal gedruckt war, flochten Bürger und seine Freunde manchen von ihnen erfundenen Scherz ein, schon um dem Buche eine neue Zugkraft zu verschaffen. Es ging beim auch jetzt noch viel reißender ab, als zuerst und wurde alsbald in viele lebende Sprachen übersetzt; Münchhausen wurde allmählich weltberühmt.

Wunderlich, höchst seltsam muß die Wirkung bei den zahlreichen Mitgliedern der Familie gewesen sein. Das alte Adelsgeschlecht der Münchhausen, höchst ehrsame, hoch angesehene Leute, sah sich als Aufschneider compromittirt, und als nun gar Bürger ein Supplement-Bündchen herausgab, in welchem er direct auf den Freiherrn Hieronymus in Bodenwerder zielte, hätte dieser mit sich selbst in Widerstreit kommen können. Er widerstand aber trotz aller Schmeicheleien, die ihm über die geistreichen Einfälle des Buches gemacht wurden, allen Versuchungen und duldete nicht, daß man ihn als den Verfasser oder als das Urbild gelten lasse.

Zu Anfang der vierziger Jahre unseres Jahrhunderts kam der „Münchhausen", längst in allen Ländern bekannt, in Deutschland zu besonderen Ehren. Der Dichter Immermann adoptirte damals die Figur des berühmten Lügners für seinen Roman „Münchhausen, eine Geschichte in Arabesken", und der Maler Adolph Schroedter schuf seine Bilder „Münchhausen, im Kreise der Jagdgenossen seine Abenteuer erzählend", „Münchhausen's Entenfang" usw. Es mag dieser neue Aufschwung viel dazu beigetragen haben, den Göttinger Gelehrten, Professor Ellissen, zu einer gründlichen Untersuchung der Autorschaft zu veranlassen, denn einige Jahre später veröffentlichte derselbe die oben erzählten Resultate, die wir nach eigenen Forschungen ergänzten. Das Werk Ellissen's ist im Buchhandel gänzlich vergriffen.

                                        (Tägl Rundschau.)
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