Der Ramberg, Januar 1929
Worte, gesprochen an Bürgers Geburtshause in Molmerschwende am 29. Juli 1928
Von Erich Ebstein in Leipzig.
Es ist für mich eine ganz besondere Freude und Ehre, an dieser Stelle, an der ich auch vor 25 Jahren stand, dem Dichter Gottfried August Bürger, der in diesem Hause in der Silvesternacht 1747/48 vor 180 Jahren das Licht der Welt erblickte, einen Weihegruß zu widmen.
Der Dichter singt in einem nicht zur Vollendung gekommenen Gedicht:
Hebe hoch das Haupt empor,
Jahr, das mich geboren!
Denn vor vielen tausenden
Bist du auserkoren.
Rein und lieblich wie der Most,
Der am Rhein gegoren,
Edlen acht und vierziger
Hast du auch geboren.
Meiner Kindheit Wiege stand
Nicht in Aschersleben;
Aber fragt in Halberstadt,
Oder forschet oben,
Wo nicht weit von Quedlinburg
Molmerschwend gelegen:
Dort belehrt euch jedes Kind
Von den nächsten Stegen.
Es ist charakteristisch für Bürgers Heimatsinn, daß er seines Geburtsortes gerade in d e m Zeitpunkt gedacht, da er die "Lenore" mit 25 Jahren geschaffen hatte; so schreibt er an seinen Schwager: "Schier möchte ich poetisch ergrimmen, daß Sie nur einen Augenblick zweifeln können, ob ich Gottfried August Bürger oder ein anderer den Namen Bürger unsterblich zu machen vermöchte. Genus enim irritabile Vatum. (Das Reizbare Geschlecht der Dichter.) Das wissen Sie. Noch ist dieser Name in der gelehrten Republik durch keinen andern als Mich erschollen. Ein gewisser Quadvultdeus Bürger hat zwar von Beati Lutheri Klosterstand und Mönchsleben ein Büchlein geschrieben, allein den kennen, außer den Hambergers, nur sehr wenige; mithin ist dieser für nichts zu rechnen. Ich also, ich Gottfried August Bürger, geboren in dem Dörflein Molmerschwende, bin der Erste, der diesen Namen bei allen Nationen groß und bei der Nachwelt unsterblich machen wird."
Klingt das nicht prophetisch? Und anderseits mahnte Bürgers Freund und Kollege Lichtenberg. "Der Mensch ist verloren, der sich früh für ein Genie hält."
Wer weiß, ob sich bei Bürger die Definition des Genies bewahrheitet, daß nur derjenige darauf Anspruch hat, dessen Wirken ein Jahrtausend umspannt.
Goethe sagt einmal - mit einem Hinweis auf Bürger - "es ist traurig anzusehen, wie ein außerordentlicher Mensch sich gar oft mit sich selbst, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgt, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen."
Bürger selbst hat die Frage des g r o ß e n M a n n e s dahin beantwortet, daß er am Schlusse seines so betitelten Gedichtes singt:
"Dabei in seiner Zeit und Welt,
Wo sein Beruf ihn hingestellt,
Durch That der Kunst die Wage hält;
Der ist ein Mann und der ist groß!
Doch ringt sich aus der Menschheit Schoß
Jahrhundert lang kaum einer los."
Vor Bürgers Geburtshaus, das heute noch Pfarrhaus ist, erinnern wir uns der bemerkenswerten Tatsache, daß unter 1600 berühmten deutschen Männern über die Hälfte evangelischen Pfarrhäusern entstammen, so daß diesen der größte Anteil an dem Aufstieg der deutschen Kultur zukommt. Vor allem gedenken wir Bürgers Eltern. Von der Mutter, die "bei gehöriger Kultur die berühmteste ihres Geschlechts geworden wäre, glaubte Bürger, "einige Anlagen des Geistes, von seinem Vater aber eine große Uebereinstimmung mit dessen moralischen Charakter geerbt zu haben." Die Lust zu fabulieren scheint also Bürger von der Mutter zu haben, wie Goethe. Wir wissen daß der kleine Bürger sehr früh Deutsch lesen und schreiben lernte. Dabei fehlte es ihm an Geduld, ein Buch anhaltend aus zu lesen. Bis in sein zehntes Jahr lernte er durchaus weiter nichts, als lesen und schreiben. Was er in der Bibel oder im Gesangbuch las, behielt er mit großer Leichtigkeit im Gedächtnis. Vorzüglich liebte er die historischen Bücher, die Psalmen und Propheten, am allermeisten aber die Offenbarung Johannis.
Aus dem Gesangbuch waren seine Lieblingslieder "Eine feste Burg ist unser Gott"; "O Ewigkeit, du Donnerwort"; "Es ist gewiß an der Zeit"; "Du, o schönes Weltgebäude".
Man hat sogar herausgefunden, daß sich Bürgers Lenore ohne Schwierigkeit auf die Melodie des Kirchenliedes: "Was Gott tut, das ist wohl getan" (von Samuel Rodigast) singen läßt.
Ja, man muß sich wundern, w i e sehr Bürgers Balladendichtung vom protestantischen Kirchenlied abhängt.
Ganz aus eigenem Antriebe lieferten ihm Bibel und Gesangbuch die Muster, Verse zu machen, und zwar solche, die im Metrum vollkommen richtig waren. Später als Mann tat sich Bürger oft etwas darauf zu Gute, daß er darin als Knabe manche geschickte und erwachsene Leute übertroffen hätte. Bürger fühlte und hörte das alles in seiner ersten Kindheit; er wußte, was recht und unrecht war.
N i c h t s konnte Bürger mehr kränken, als nachlässige Reimer; hochdeutsche Korrektheit ging ihm über alles: "in fünfzig oder hundert Jahren sind ohnehin wir, die wir jetzt leben, nicht korrekt mehr; noch weniger werden wir es sein, wenn wir es nicht für unsere Zeitgenossen zu sein streben. Dem Dichter, der seine Kunst, seine Leser und sich selbst ehrt und liebt, wie er soll, ist auch das Kleinste keine Kleinigkeit."
Bürger war, wie er selbst einmal sagt, auf der Grenze von Obersachsen, der Heimat der neueren hochdeutschen Mundart, geboren. Dann brachte er an die acht Jahre in Obersachsen zu Halle zu; nachher hat er über 20 Jahre unter gut hochdeutsch redenden Menschen in und um Göttingen gelebt und rühmt sich daher mit Recht, daß er echte hochdeutsche Aussprache sowohl in den Ohren, als in dem Munde habe. So gibt Bürger einmal einer schwatzhaften Göttinger Dichterin, die zu leicht reimen zu können glaubte, guten Rat:
"Lerne du hübsch, mein Herzenspüppchen, an einem paar Zeilen ganze Tage, an einer Strophe ganze Monate und an einem Liedlein, das sich in einem Atem wegsinget, ganze Jahre machen …"
"Weil Bürger der deutschen Sprache lebendigen Ausdruck fand, auf Meisterhafteste anwandte, darum wurde ihm eine Stelle Wallhallas. Wie wenn das Auge ein unbekanntes holdes Land erblickt, so ist es dem, Bürgers Werke lesenden Deutschen; freudig überrascht sieht er seiner Sprache ungeahnte Schönheit.[König Ludwig I. in der Walhalla über G. A. Bürger 1842]"
Darum sind Bürgers Lieder und Balladen auch lebendig geblieben bis auf den heutigen Tag. Ist ihm auch sein Leben gerronnen, sein Dichten ist ihm nicht zerronnen:
Zwar -- ich hätt' in Jünglingstagen,
Mit beglückter Liebe Kraft
Lenkend meinen Kämpferwagen,
Hundert mit Gesang geschlagen,
Tausende mit Wissenschaft!
Doch, des Herzens Los, zu darben,
Und der Gram, der mich verzehrt,
Hatten Trieb und Kraft zerstört.
Meiner Palme Keine starben,
Eines mildern Lenzes wert.