HANNOVERSCHER KURIER
Donnerstag, 8. Juni 1944
Der Dichter der „Lenore"
Zu Gottfried August Bürgers 150. Todestage am 8. Juni / Von Johann Frerking
Zwischen Goethes „Götz von Berlichingen" und den „Leiden des jungen Werthers“ steht als ein drittes Hauptstück des großen deutschen Dichterfrühlings, der in den Spuren des Säemanns Herder drängend und stürmisch aufgegangen war, Gottfried August Bürgers „Lenore“. Alle älteren Balladen, die wir kennen, vom „alten Hildebrandt“, dem „Tannhäuser“,. „Großmutter Schlangenköchin" und den „zwei Königskindern“ bis zur „schönen Hannale". sind als namenloses Volksgut auf uns gekommen. Mit der „Lenore“ wird die Ballade Dichterwerk, und es ist tief bedeutsam, daß ihr Dichter selber mehr als einmal ausdrücklich bezeugt hat, wie Fetzen eines Volkesliedes, von einem Bauernmädchen im Mondschein gesungen, ihm die erste Anregung zu dem Gedicht gegeben hätten. Aus dem Göttinger Musenalmanach von 1774, darin sie zuerst ans Licht trat, ist „Lenore“ dann mit ganz der gleichen Vehemenz wie „Götz“ und „Werther“ durch alle deutschen Lande und weit über ihre Grenzen hinaus geeilt, und was seitdem an echtem Balladengut bei uns geschaffen worden ist, von Uhland und Strachwitz, der Droste und Fontane, von Liliencron, Münchhausen, Agnes Miegel und Lulu von Strauß und Torney, das geht alles mit einem Wurzelfädchen auf jene glückliche Stunde des Winters 1772 auf 73 zurück, da der junge Justizamtmann der Herren von Uslar im Amt Altengleichen bei Göttingen jene berühmten Anfangszeilen aufs Papier setzte:
"Lenore fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen.“
Und auch heute fühlen wir, wenn das Gedicht recht gelesen wird, noch stets etwas von dem gleichen Schauder, den die Mitglieder des Göttinger Hains bei der ersten Vorlesung verspürten: es wird erzählt, der Dichter habe bei der Stelle: .
„Rasch auf ein eisern Gittertor
Ging’s mit verhängtem Zügel.
Mit schwanker Gert’ ein Schlag davor
Zersprengte Schloß und Riegel“ —
mit seiner Reitgerte an die Zimmertür geschlagen und der junge Graf Friedrich Leopold von Stolberg sei in vollem Schrecken darob vom Stuhl aufgesprungen. Von Stund’ an galt Bürger als der „Adler des Gesanges“, der „Kondor“ unter dem Göttinger Dichter-Gefieder, und als er im Herbst 1776 mit Fritz Stolberg zum Poeten-Wettkampf um eine deutsche „Ilias“ antrat, mochte er wohl stolz sich in die Brust werfen:
„Straff sind die Sehnen meiner Jugendkraft;
Ich bin gewandt zu ringen; meinem Arm
Ist Phöbus’ goldnes Schwert ein Halmenspiel;
des Fernhintreffers Silberbogen weiß
Ich wohl zu spannen;' treffe scharf das Ziel;
Mein Köcher rasselt goldner Pfeile voll.“
Aber Friedrich Stolbergs „Ilias“-Uebersetzung ist nach einigen Jahren vollendet worden; Bürgers Versuche, zuerst in Jamben, dann in Hexametern, füllen zwar einen ganzen Band, sind jedoch Bruchstücke geblieben.
Ueber Bürgers Leben haben keine guten Sterne gestanden. Geboren als Sohn des Pfarrers Johann Gottfried Bürger zu Molmerswende bei Halberstadt am Ostrand des Harzes, in der ersten Stunde des Jahres 1748, unter dem Gesang, mit dem man nach alter Sitte den Jahresanbruch vom Kirchturm herab begrüßte, ist er in früher Kindheit viel sich selbst überlassen geblieben; der eigenwillige Knabe hat eher Verse machen als regelrecht arbeiten gelernt, und auch dem Mann noch hat der stürmische Impuls des Augenblicks oft die nüchterne Forderung des Tages überwogen. Er ist kein sehr tüchtiger Justizbeamter gewesen, wie er schon zuvor in Halle und Göttingen keineswegs das Muster eines nach der Schnur fleißigen Studiosus abgegeben hatte. Er hat drei Ehen geschlossen, ist aber nur einmal, in der zweiten mit der heißgeliebten Molly, der „Ganzvermählten seiner Seele“, dem Stern seiner Lieder und Sonette, wirklich glücklich geworden, und sogar dieses einzige Glück ist ihm nur wenige Monate beschieden gewesen, da Molly nach der Geburt einer Tochter von einem Kindbettfieber weggerafft wurde. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens hat er als unbesoldeter Universitätslehrer sein Dasein zumeist mit Vorlesungen und Privatunterricht gefristet, zuletzt mit dem Titel eines außerordentlichen Professors. Ein Sonett aus dem Jahre 1792 schließt mit der ergreifenden Zeile: „Herz, ich wollte, du auch würdest alt.“ Ein gebrochener, verstummter Mann, ist Gottfried August Bürger am 8. Juni 1794, im Alter von sechsundvierzig Jahren, fünf Monaten und acht Tagen, an der Schwindsucht gestorben.
Seine letzten Jahre waren ihm außer durch den peinlichen Ausgang und die Scheidung seiner dritten Ehe noch besonders verbittert worden durch den Aufsatz, den Schiller im Jahre 1791. unter dem Titel „Ueber Bürgers Gedichte“ in die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ gegeben hatte; aus dem von vornherein fehlgerichteten Versuch, Bürgers am schlichten Volkston geschulte Verse mit Schillers neuem, idealistisch - klassischem Maß nachzumessen, hatte sich darin eine gröbliche Verkennung und kränkende Herabsetzung ergeben, die der Dichter, im guten Bewußtsein, seine Laute rühmlich geschlagen zu haben, nicht mehr verwunden hat Als ihm die beiden Weimarer Klassiker in ihren „Xenien“ von 1796 gleich neben Achilles-Lessings Gedächtnismal eine eigene Ehrensäule im Schattenreich zuerkannten, war es längst zu spät, und das Distichon:
„Ajax, Telamons Sohn! So mußtest du selbst nach dem Tode
Noch forttragen den Groll wegen der Rezension?“
verewigt nur das schlechte Gewissen der Rezensenten.
Die „Lenore“ ist das wichtigste Stück seines Werkes geblieben, aber wenn wir Eingangszeilen hören wie diese: „Hoch klingt das Lied vom braven Mann" — "Knapp, sattle mir mein Dänenroß“ — „Im Garten des Pfarrers von Taubenhain“ — „Frau Magdalis weint auf ihr letztes Stückchen Brot“ — „Ich will euch erzählen ein Märlein, gar schnurrig“ — „Der Wild- und Rheingraf stieß ins Horn“, so erinnern sie an ebenso viele Balladen und Verserzählungen, die alle aus Bürgers Gedichten unmittelbar in den Volksmund und die Lesebücher übergegangen sind und sich über hundert Jahre hinweg darin lebendig gehalten haben. Und damit hat sich sein Glaube bewährt, der im Volksmäßigen das „Siegel der Vollkommenheit“ sah: „Durch Popularität mein ich. soll die Poesie das wieder werden, wozu sie Gott erschaffen und in die Seelen der Auserwählten gelegt hat.“
Ein Werk freilich, das wir, ob es auch zu seiner Zeit ohne seinen Namen erschienen ist, heute mit bestem Recht dem Dichter zueignen dürfen, macht der „Lenore“ beinahe den Rang streitig, in der „Popularität“ sowohl, wie in seinem übrigen Fortwirken bis in den heutigen Tag und weiter. Das sind die „Wunderbaren Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte“, und wie sie Gottfried August Bürger nach einer englischen Uebertragung der kerndeutschen, dem niedersächsischen Weserberglande entsprossenen Schnurren und Schelmengeschichten in den Jahren 1786 und 88 endgültig gestaltet und mit vielen köstlichen eigenen Einfällen und Phantasiestücken ausgeschmückt, dem deutschen Volke überliefert hat. Mag sein Tun dem Dichter selber damals als eine vornehmlich um des Honorars willen unternommene, apokryphe Nebenarbeit erschienen sein, sein Genius meinte es anders, und wir haben und halten in seinem „Münchhausen“ das zweite herrliche Kernstück niederdeutschen Volkshumors neben dem alten Buche von Till Eulenspiegel.